ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2008Ulm: Kleiner Star im Musterländle

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Ulm: Kleiner Star im Musterländle

Dtsch Arztebl 2008; 105(20): A-1045 / B-907 / C-887

Jachertz, Norbert

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Das Stadthaus am Münsterplatz, gebaut von Richard Meier, kontrastiert effektvoll mit dem gotischen Münster. Im Jahr 2002 baute der Kölner Architekt Gottfried Böhm die Zentralbibliothek, eine gläserne Pyramide. Foto: Ulm/Neu-Ulm Touristik GmbH
Das Stadthaus am Münsterplatz, gebaut von Richard Meier, kontrastiert effektvoll mit dem gotischen Münster. Im Jahr 2002 baute der Kölner Architekt Gottfried Böhm die Zentralbibliothek, eine gläserne Pyramide. Foto: Ulm/Neu-Ulm Touristik GmbH
Forschung und Wirtschaft kooperieren. Die „Neue Mitte“ verändert das Stadtbild. Die Geschwister Scholl erinnern an den Widerstand.

Kaum eine halbe Stunde in der Stadt, wird der Besucher auch schon aufgeklärt: „Nein, bayerisch sind wir nicht“, erklärt eine Ulmerin. Nur acht Jahre, von 1802 bis 1810, habe Ulm zu Bayern gehört. Dann habe man sich Württemberg angeschlossen. Dessen König habe als liberaler gegolten, auch sei er evangelisch gewesen wie die Ulmer. Neu-Ulm, auf der anderen Seite der Donau, dagegen sei bayerisch. Beide Städte aber sind ausgeprägt schwäbisch.

Ulm und Neu-Ulm präsentieren sich heute gern als Zwillingsstädte, die eine mit 120 000, die andere mit 52 000 Einwohnern und beide zusammen mit 100 000 Arbeitsplätzen. Die Twin-Citys prosperieren dank einer schwäbisch-mittelständischen Unternehmensstruktur und dank einer Vielfalt an Hochschulen, allen voran die medizinisch-naturwissenschaftlich ausgerichtete Universität Ulm. Die Bundesagentur für Arbeit registrierte im April 2008 in der Region Ulm auf der baden-württembergischen Seite eine Arbeitslosenquote von 3,5 Prozent, in Neu-Ulm von 3,1 Prozent. Zum Vergleich: Die deutsche Arbeitslosenquote betrug im April im Westen 6,6, im Osten 13,9 und im Durchschnitt 8,1 Prozent.

Auf der Konsummeile zwischen dem Hauptbahnhof der kleinen Großstadt und dem Münster drängeln sich denn auch die Filialisten und die Käufer. Ulm ist hier keine schöne Stadt, sondern geprägt vom Allerweltsdesign der großen Ketten und dem zweckmäßigen Aufbau der 50er- und 60er-Jahre. Die folgten zudem der Philosophie der autofreundlichen Stadt. Mitten durch die Innenstadt, dort, wo vor den Bombardements des Zweiten Weltkriegs die Altstadt lag, wurde nach 1948 eine breite Schneise für eine Schnellstraße geschlagen.

Eine „Neue Mitte“
Doch Ulm ist dabei, die Sünden der Vergangenheit zu korrigieren. Eine „Neue Mitte“ ist entstanden. Den Anfang machte 1993 das Stadthaus am Münsterplatz, gebaut von Richard Meier, dem New Yorker Architekten, dessen Markenzeichen schneeweiße Bauten, angesiedelt zwischen Sachlichkeit und Postmoderne, sind. So auch das Stadthaus, das mit dem gotischen Münster effektvoll kontrastiert. 2002 baute Gottfried Böhm aus Köln die Zentralbibliothek, eine gläserne Pyramide, schön anzusehen und im Sommer gewiss auch schön warm. Sie wiederum hebt sich von dem historischen Rathaus und seiner gotisch-neugotischen Bemalung ab. Im Jahr 2006 schließlich baute Stephan Braunfels, der durch Bauten im Berliner Regierungsviertel bekannt wurde, das spitzwinkelige Kaufhaus Münsterstraße und die elegante Sparkasse.

Den vorläufigen Schlusspunkt setzte 2007 Wolfram Wöhr (von dem Münchens Neue Pinakothek stammt) mit der Kunsthalle Weishaupt. Sie beherbergt in hohen Räumen die verblüffend gute Sammlung eines schwäbischen Unternehmers, der „aus dem Bauch heraus“ und angeregt durch Max Bill und die Hochschule für Gestaltung (HfG) Gemälde und Objekte von Künstlern der Gegenwart erwarb. Zusammen mit der Sammlung des Ulmer Verlegers Kurt Fried im benachbarten Städtischen Museum – beide Gebäude sind durch einen gläsernen Steg miteinander verbunden – erhalten Ulm-Besucher einen ausgezeichneten Überblick über die (bildende) Kunst nach 1945.

Ulms „Neue Mitte“, die schon heute als Musterbeispiel der Architektur der Jahrtausendwende gilt, kann vom Besucher bequem und autofrei erwandert werden. Und gleich neben der gläsernen Moderne erwarten ihn im Fischerviertel an der Donau Fachwerkhäuschen und schwäbische Gemütlichkeit. Das berühmte Ulmer Münster ist bei jedem Rundgang in Sichtweite. Der vermeintlich rein gotische Bau wurde, gleich dem Kölner Dom, erst im 19. Jahrhundert neugotisch vollendet: Köln 1880, Ulm 1890. Die cleveren Schwaben nutzten den Zeitabstand und übertrumpften die Kölner um vier Meter, der Kölner Dom misst 157,3, das Ulmer Münster 161,5 Meter. Damit ist das Münster immer noch die höchste Kirche der Welt. Doch in Asien wachsen weltliche Riesen, die dreimal so hoch sind.

Ulmer Modelle
Ausgerechnet auf dem Eselsberg breitet sich die Wissenschaftsstadt Ulm aus. Um Universität und Universitätsklinikum herum gruppieren sich zahlreiche „An-Institute“ und Forschungseinrichtungen der Wirtschaft. Die enge Kooperation gehörte von vornherein zum Konzept der Universität und war bei deren Gründung 1967 sehr umstritten, die Gegner befürchteten Abhängigkeiten. Davon ist gegenwärtig nicht die Rede, das Konzept wirkt zeitgemäß.

Das Medizinstudium wurde möglich in Ulm 1969/70, studiert wurde nach dem „Ulmer Modell“: enge Verbindung von Studium und Praxis, Examen und Approbation nach sechs Jahren, davor ein „praktisches Jahr“. Das Modell ist später in die Approbationsordung eingegangen. Auch für „ökologische“ Fächer wie Medizinsoziologie oder -psychologie und Epidemiologie stand Ulm Pate. Dank Thure von Üexküll, einem der Gründerväter der Universität, war Ulm schon früh wegen seiner psychosomatischen Medizin bekannt. In der Forschung fällt gleichwohl die herausragende Bedeutung der naturwissenschaftlichen Medizin auf. Auf Ludwig Heilmeyer, ehedem Freiburg, dann Gründungsrektor in Ulm, geht der Forschungsschwerpunkt Hämatologie zurück. Der heute größte Forschungsbereich betrifft die regenerative Medizin einschließlich Stammzellforschung. Die Ulmer Medizin nimmt in Rankings sowohl hinsichtlich Forschung als auch Patientenpräferenz Spitzenplätze ein.

Ein Schrittmacher war die Ulmer Medizin auch bei der Aufwertung medizinischer Assistenzberufe. Seit 1969 betreibt sie im ehemaligen Kloster Wiblingen eine Akademie für medizinische Berufe, in der in einem dreijährigen Ausbildungsgang zum Beispiel OP-Assistenten ausgebildet werden. Wer nach Wiblingen fährt, sollte freilich nicht versäumen, sich die barocke Bibliothek sowie die riesige Klosterkirche anzusehen. Deren Innenausstattung zeigt den Übergang vom Barock zum Klassizismus.

Forschung auf dem Eselsberg, Design auf dem Kuhberg. Hier war die HfG zu Hause. Sie existierte nur 15 Jahre, von 1953 bis 1968, und erwarb sich einen legendären Ruf. Im Ulmer Stadtmuseum sind einige der „Produktgestaltungen“ zu sehen, alles Klassiker: vom stapelbaren Geschirr, über den Braun-Rasierer bis zum Corporate Design der Lufthansa. Die Hochschule scheiterte letztlich am Freiheitswillen ihrer Lehrer und Schüler. Als 1968 das Geld ausging und Baden-Württemberg eine weitere Förderung davon abhängig machte, dass sich die HfG in die Hochschulstruktur des Landes eingliedere, beschloss eine Vollversammlung die Auflösung.

„Weiße Rose“
Die HfG hat auf verwinkelte Weise auch mit der Medizin zu tun. Sie geht auf Inge Scholl, eine Schwester von Hans und Sophie Scholl, die beiden Medizinstudenten der „Weißen Rose“, zurück. Die Scholls wohnten in Ulm, der Vater war dort Steuerberater. Inge war verheiratet mit dem Designer Otl Aicher. Beide entwickelten das HfG-Konzept und setzten es schließlich mit Max Bill um. Träger wurde die „Geschwister-Scholl-Stiftung“, benannt in Erinnerung an die „Weiße Rose“, über die Inge Scholl und Otl Aicher ein Buch geschrieben hatten.

In den Gebäuden der HfG auf dem Kuhberg ist heute die Psychosomatik der Universität untergebracht. Im früheren Wohnhaus der Scholls (Olgastraße 139) praktizieren Ärzte; sie haben dort eine Geschwister-Scholl-Gedenkstätte eingerichtet. Bronzebüsten von Hans und Sophie Scholl, geschaffen von Otl Aicher, stehen im Treppenhaus des Stadthauses. Dort erinnert bis zum 13. Juli eine Ausstellung an den Ulmer „Einsatzgruppenprozess“ von 1958. Vor Gericht standen zehn ehemalige SS-Leute des Einsatzkommandos Tilsit, die 1941 mehr als 5 000 Menschen hatten erschießen lassen. Sie wurden wegen Beihilfe zum Mord zu Freiheitsstrafen verurteilt.

Hans und Sophie Scholl, die in Flugblättern zum Widerstand aufgerufen hatten, wurden 1943 in München-Stadelheim hingerichtet. In Ulms „Neuer Mitte“ erinnert seit 2006 ein Platz an die beiden.
Norbert Jachertz
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