ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2008Kinderkrebs und Atomkraft: Streit um Kausalzusammenhang

MEDIZINREPORT

Kinderkrebs und Atomkraft: Streit um Kausalzusammenhang

Dtsch Arztebl 2008; 105(20): A-1052 / B-912 / C-892

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Das Kernkraftwerk Neckarwestheim und ein Neubaugebiet liegen in enger Nachbarschaft. Foto: ddp
Das Kernkraftwerk Neckarwestheim und ein Neubaugebiet liegen in enger Nachbarschaft. Foto: ddp
Stellungnahme steht gegen Stellungnahme: Die Studie des Kinderkrebsregisters vom Dezember 2007 fand in der Nähe von Atomkraftwerken ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen bei kleinen Kindern. Über die Interpretation der Ergebnisse sind sich die Experten nicht einig.

Der Streit um die Ende 2007 publizierte Mainzer Kinderkrebsstudie, die an 16 Standorten der insgesamt 22 Atomkraftwerke in Deutschland nach einem höheren Krebsrisiko für Kleinkinder forschte, erreicht jetzt einen neuen Höhepunkt. Anlass ist eine Qualitätsprüfung, die drei Gutachter im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) vorgenommen haben. In dem Papier kritisieren sie nicht die Methodik der KiKK-Studie (Epidemiologische Studie zu Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken), sondern vielmehr die Interpretation der Ergebnisse. Ein Gutachter spricht gar von einer Verharmlosung der möglichen Gefahren.

In einer Stellungnahme vom 21. April 2008 sieht auch das BfS nach Lektüre des Gutachtens „einen starken Hinweis auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Wohnen in der Nähe von Kernkraftwerken und dem Risiko von unter fünf Jahre alten Kindern, an Krebs und Leukämie zu erkranken“, der allerdings durch die Studie nicht bewiesen sei. Strahlung könne jedoch nicht als Verursacher ausgeschlossen werden.

Die Autoren der KiKK-Studie dagegen bezweifeln – heute wie auch bereits im Dezember 2007– einen kausalen Zusammenhang zwischen den Krebserkrankungen und den Emissionen der Kernkraftwerke und weisen die Vorwürfe zurück. In einer Stellungnahme vom 14. April stellen sie fest, „dass die beobachtete Entfernungsabhängigkeit nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand nicht durch die Emissionen der Kernkraftwerke zu erklären ist“.

Einig sind sich alle Beteiligten lediglich, dass es einen Zusammenhang zwischen der Nähe der Wohnung zum nächstgelegenen Kernkraftwerk und dem Erkrankungsrisiko für Kinder vor dem sechsten Lebensjahr gibt. Daran lassen die Ergebnisse der Studie offenbar keinen Zweifel: Im Zeitraum von 1980 bis 2003 erkrankten 77 kleine Kinder, die innerhalb eines Fünfkilometerradius um ein Atomkraftwerk (AKW) lebten, an Krebs – davon 37 an Leukämie. Statistisch zu erwarten gewesen wären 48 Krebs- beziehungsweise 17 Leuk- ämiefälle.

Das Kinderkrebsregister berechnete anhand der Daten innerhalb des Fünfkilomterradius um ein AKW ein attributables Risiko von 0,2 (Krebs) beziehungsweise 0,3 Prozent (Untergruppe Leukämie). Das heißt, in dem untersuchten Zeitraum wären 29 der 13 373 Kinderkrebsfälle dem Wohnen in der Nähe eines AKW zuzuschreiben (DÄ, Heft 50/2007). Über die Kausalität wird seit Monaten jedoch gestritten.

Im Auftrag des BfS überprüfen Prof. Dr. rer. nat. Karl-Heinz Jöckel (Essen), Prof. Dr. med. Eberhard Greiser (Bremen) und Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann (Greifswald) die Ergebnisse der KiKK-Studie. Ihr Fazit: Von den Autoren werde das Attributivrisiko unterschätzt. Auch das BfS erachtet es in seiner jüngsten Stellungnahme als notwendig, die Attributivrisiken – sie werden als zusätzliche Krebsneuerkrankungen in absoluten Zahlen ausgedrückt – für die gesamte Studienregion auszuweisen, in der eine Risikoerhöhung beobachtet wurde; also für einen Umkreis bis zu 50 Kilometern. Sinnvoll ergänzt werden könne dies durch die Angabe von Attributivrisiken im Fünfkilometerumkreis.

Prof. Greiser (Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen) wirft der Leiterin der KiKK-Studie, Prof. Dr. med. Maria Blettner (Institut für Biometrie, Epidemiologie und Informatik/IMBI, Mainz), bereits seit Monaten „Schönrechnerei“ vor. Die Daten der Studie seien zwar belastbar; es werde allerdings nicht alles an die Öffentlichkeit transportiert, sagte er bei einer Veranstaltung der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW in Berlin. Nicht die Zahl der zusätzlichen Krebsfälle sei die zentrale Fragestellung der Studie gewesen. Es sei deshalb unseriös, wenn Blettner nur auf die kleine Zahl von Fällen in der Fünfkilometerzone abhebe.

„Wenn man schon über Zahlen spricht, dann haben wir es im gesamten Studiengebiet nicht mit 29, sondern mit 121 bis 275 zusätzlichen Krebsfällen im Umkreis von 50 Kilometern um die Kernkraftwerke zu tun. Das sind acht bis 18 Prozent aller Krebserkrankungen bei Kindern bis zu fünf Jahren im Studiengebiet. Wir sprechen hier also über eine nennenswerte Quote der Krebsfälle bei Kleinkindern“, sagte Greiser.

Bevölkerungsdosis ist unklar
Ein weiteres unbestrittenes Ergebnis der Studie ist eine signifikante Abstandsabhängigkeit des Risikos. Das heißt, das Krebsrisiko nimmt signifikant zu, je näher die Kinder an einem AKW wohnen. Mögliche andere Einflussfaktoren (Confounder), wie beispielsweise ein erhöhter Pestizidverbrauch in diesen Gebieten, konnten durch eine zusätzliche Fall-kontrollstudie ausgeschlossen werden. Die Autoren der Studien halten die Emissionen der AKW allerdings für zu gering, um damit die Kinderkrebsfälle kausal zu erklären.

Nach Auffassung von Prof. Dr. rer. nat. Inge Schmitz-Feuerhake (Bremen) setzen Atomanlagen jedoch mehr Radioaktivität frei, als offiziell angegeben wird. Ungenehmigte Freisetzungen spiegelten sich beispielsweise darin wider, dass man bei Kindern in der Umgebung des Atomkraftwerks Krümmel signifikant mehr dizentrische Chromosomen im Blut gefunden habe als bei nicht exponierten Kindern. „Sie sind ein spezifischer Indikator für Strahlenschäden“, betonte Schmitz-Feuerhake. Das Argument, die Dosis sei zu klein, um den beobachteten Effekt hervorzurufen, sei nicht stichhaltig, da die Bevölkerungsdosis bei radioaktiven Stoffen sehr schwierig zu bestimmen sei. Da sie nicht direkt gemessen werden könne, müsse sie anhand von Modellrechnungen aus den gemessenen Emissionen über den Weg von Atemluft, Nahrung und Trinkwasser simuliert werden. Auch der Fehlerbereich der Dosis könne nicht angegeben werden.

Ähnlicher Ansicht ist Prof. Dr. rer. nat. Sebastian Pflugbeil: „Die Forscher vom Mainzer Kinderkrebsregister stellten fest, dass lediglich der Abstand zu den Atomkraftwerken signifikante Ergebnisse lieferte“, betonte der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz und ebenfalls Mitglied der Expertenkommission. „Damit liegt der Schluss nahe, dass die Ursache der erhöhten Krebsraten in den radioaktiven Emissionen aus den AKW zu suchen ist.“

Kritik üben die jetzt vom BfS bestellten drei Gutachter ferner an der Kooperationsbereitschaft des Kinderkrebsregisters mit dem studienbegleitenden Expertengremium und empfehlen eine erneute Überprüfung der Studie. Diese Empfehlung wird vom BfS unterstützt. „Die Durchführung eines umfassenden Audits und einer Zweitrechnung befürworten wir uneingeschränkt“, sagte ein Sprecher des BfS gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Aufgrund der kritisierten geringen Bereitschaft der Autoren zur Zusammenarbeit mit dem Expertengremium und mit vom BfS beauftragten Experten habe das Audit jedoch bisher nicht realisiert werden können. Das BfS hat daher dem Bundesumweltministerium empfohlen, dies nachholen zu lassen.

Den Vorwurf, ein nachträgliches Audit verweigert zu haben, weist das Kinderkrebsregister indes strikt zurück. Nie sei ein Termin für ein zusätzliches Audit durch das BfS bestätigt worden. Nicht zuletzt sei es wegen des intransparenten Verhaltens des BfS bisher nicht zustande gekommen. Auch den Vorwurf mangelnder Kommunikation entkräften die Autoren der Studie: „In einer frühen Phase des Projekts war ausdrücklich vereinbart worden, dass die Studiengruppe und das Expertengremium nicht direkt miteinander kommunizieren dürften, sondern nur über das BfS“, heißt es in der jüngsten Stellungnahme des Kinderkrebsregisters.

Auf fehlende Strahlendosen für Kinder weisen die Gutachter in der Qualitätssicherung hin. Für die Abschätzung der Strahlendosis für Leukämien dürften nicht einfach die Werte für Erwachsene zugrunde gelegt werden, meint Gutachter Hoffmann. Die Unsicherheiten der Dosisbestimmung könnten besonders bei kleinen Kindern mehrere Zehnerpotenzen betragen. Unklar sei auch noch, zu welchen Schäden vorgeburtliche Bestrahlung beim Embryo führe. Ein erhöhtes Krebsrisiko sei zudem auch durch die Bestrahlung der Eltern vor der Konzeption denkbar. „Die Autoren der Studie unterschätzen dies drastisch bei ihrer Interpretation“, so Hoffmann.

Sofortmaßnahmen zur Verhinderung weiterer Kinderkrebserkrankungen im Umfeld deutscher AKW, wie beispielsweise die Finanzierung des Umzugs von Familien und Schwangeren in eine andere Region, fordern der Bund für Umwelt und Naturschutz, die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW sowie eine Initiative von mehr als 100 Pädiatern. „Angesichts des Nachweises eines erhöhten Kinderkrebsrisikos in der Umgebung der Atomkraftwerke muss das Bundesumweltministerium jetzt endlich handeln“, sagte die IPPNW-Vorsitzende, Dr. med. Angelika Claußen, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Wie auch im Qualitätsbericht gefordert, muss überprüft werden, ob die existierenden strahlenbiologischen Modelle der hochgradigen Strahlensensibilität von Embryonen, Feten, Säuglingen und Kleinkindern gerecht werden.“

Amtliche Messungen gefordert
Außerdem sollten in Zukunft die AKW-Emissionsmessungen nicht mehr von den Betreibern, sondern von amtlichen Kontrollbehörden durchgeführt werden. Im Sinne des europa- und verfassungsrechtlich gebotenen Grundsatzes der Risikovorsorge fordert die Ärzteorganisation die Bundesregierung auf, sich jetzt eindeutig gegen eine Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke auszusprechen.

Diese Forderung scheint jedoch (gerade angesichts der bevorstehenden Wahlen) nicht auf viel Zuspruch zu treffen. Politische Unterstützung kommt bisher vonseiten der Linken und der Grünen. Sie fordern die beschleunigte Abschaltung der ältesten Atomkraftwerke. Union und FDP warnten im Dezember hingegen davor, die Studie überzubewerten. Ergebnisse einer erneuten Überprüfung der KiKK-Studie sollen dem Vernehmen nach im Oktober vorliegen.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema