ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2008Marktorientierung im Gesundheitswesen: Markt auf Kosten von Zuwendung

THEMEN DER ZEIT

Marktorientierung im Gesundheitswesen: Markt auf Kosten von Zuwendung

Nedball, Dagmar

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Um die Frage „Gesundheit – ein Marktprodukt?“ ging es bei einer Tagung
der Evangelischen Akademie in Tutzing.

Das Gesundheitswesen wird zunehmend ökonomisiert. „Mehr Markt!“, lautet eine zentrale Forderung vieler. Tatsächlich wurden unter dem Vorzeichen des Wettbewerbs in den vergangenen Jahren immer mehr Marktelemente in das System eingeführt, wie Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), aufzeigte. Er sprach bei einer Tagung, die die Evangelische Akademie in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsforum der Süddeutschen Zeitung Mitte April in Tutzing veranstaltete. Dabei ging es im Wesentlichen darum, Probleme im Spannungsfeld von Gesundheit und Markt zu erörtern.

Seit 1975, erklärte Hoppe, sei ein Kostendämpfungsgesetz dem nächsten gefolgt und schließlich 1993 mit der Einführung von Krankenkassen-Wettbewerb, Budgets, Risikostrukturausgleich und Niederlassungseinschränkung ein regelrechter „Politikwechsel“ eingeleitet worden. Der Staat habe sich zunehmend von seiner Aufgabe der Daseinsvorsorge verabschiedet und sich auf die Rahmengesetzgebung zurückgezogen. Wiederholt zitierte Hoppe das Wirtschaftlichkeitsgebot aus dem 5. Sozialgesetzbuch (§ 12 SGB V), wonach „die Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich“ sein müssen. Doch was bedeutet das konkret für Ärzte und Patienten? Eindeutig sei in der Ausrichtung der Gesundheitspolitik ein Wandel zu verzeichnen: Was heute zähle, sei der „kollektive Blick auf die Versorgungsstrukturen“. Der „individualistische Aspekt“ rücke mehr und mehr aus dem Blickfeld. Elemente aus den staatlichen Gesundheitssystemen der skandinavischen Länder sowie aus den marktwirtschaftlich orientierten USA hätten Einzug auch in „unser freiheitlich organisiertes System“ gehalten. Darunter litten die individuelle Arzt-Patienten-Beziehung, die Arbeitsbedingungen der Ärztinnen und Ärzte und die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Statt von Zuwendungsmedizin müsse man heute von Zuteilungsmedizin sprechen, von einem System, in dem der Patient „nicht mehr der kranke Mensch ist, sondern der Diagnoseträger, der einen Anspruch auf Leistungen eines gewissen ,Warenkorbs‘ hat, und in dem Empathie Zeitverschwendung bedeutet“, sagte der BÄK-Präsident. Der Umbau des Gesundheitswesens sei wohl noch lange nicht abgeschlossen.

Prof. Dr. phil. Paul U. Unschuld, Direktor des Horst-Görtz-Stiftungsinstituts, Zentrum für Human- und Gesundheitswissenschaften der Charité – Universitätsmedizin in Berlin, wagte einen „makroökonomischen und -soziologischen Blick“ und näherte sich den Veränderungen des Gesundheitssystems aus der Perspektive des Historikers. Unschuld zeigte am Begriff der Volksgesundheit auf, wie sich die Rolle des Staates seit der Zeit des Merkantilismus bis heute verändert hat. „Mittel – Zweck – Selbstzweck“ überschrieb der Historiker seine Ausführungen, in denen er wiederholt den Begriff des Epochenwechsels gebrauchte. Die zentrale Stellung des Arztes im Gesundheitssystem leitete Unschuld von der Bedeutung der Volksgesundheit ab, die zumindest bis in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hinein eine wichtige Rolle spielte. Ein Erklärungsansatz für die heutige „Halbgötter-Dämmerung“? „Der politische Druck auf den Staat, für Gesundheit zu sorgen, ist gesunken“ und „Der Kranke ist für den Staat keine Belastung, sondern als eine ökonomische Größe zu sehen“, lauteten Unschulds Thesen. Einerseits verlagere der Staat die Verantwortung für Gesundheit mehr und mehr auf den Einzelnen – Stichwort Eigenverantwortung – und ziehe sich selbst mehr und mehr aus der Pflicht. Andererseits würden die Pflichtbeiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung zu „Renditegebern“ – denke man nur an private Klinikbetreiber oder die „Jobmaschine Gesundheitswesen“ –, und das Primat des Ökonomischen scheine unaufhaltsam. Beide Aspekte bedingten die Deprofessionalisierung des Arztes, seinen Bedeutungsverlust im System und die „neue Rolle der medizinischen Standesberufe im ökonomischen Gesundheitswesen“. Demnach sei die „Ärzteschaft nicht mehr Anwaltschaft aller, sondern Partner des Einzelnen“, schloss Unschuld.

Erfahrungen aus dem Klinik- und Praxisalltag brachten Priv.-Doz. Dr. med. Uwe Hasbargen, stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München- Großhadern, Dr. med. Maria Hussain, Hausärztin aus München, Günter Milla, Leiter des Pflege- und Servicemanagements, Städtisches Klinikum München – Klinikum Schwabing, Gisela Bürkmayr, Sozialpädagogin, Leiterin des Sozialdienstes, Städtisches Klinikum München – Klinikum Bogenhausen, sowie Dr. med. Klaus Zellmann, ehemaliger Ärztlicher Direktor, Schlossbergklinik Oberstaufen, in die Tagung ein.

Mehr Markt, mehr Ökonomie einerseits – doch andererseits komme das Gesundheitssystem nicht ohne dirigistische Steuerungsmechanismen wie Budgets, Festpreise, Normzahlen und andere eher plan- als marktwirtschaftliche Vorgaben aus. Insgesamt nehme die Zahl der lenkenden Eingriffe zu. Kompromisse zwischen markt- und planwirtschaftlich orientierten Grundkonzepten wirkten dabei häufig problemverschärfend. Die Diskussionsrunde zeigte, dass dies für die meisten Beteiligten und Betroffenen eine zunehmend unbefriedigende – für nicht wenige sogar frustrierende und schließlich in die Resignation drängende – Entwicklung sei, die nicht zuletzt dadurch mit verursacht werde, dass dem Gesundheitswesen für eine konsequent marktwirtschaftliche Organisation eine der Grundvoraussetzungen fehle: das freie Spiel der Kräfte zwischen Angebot und Nachfrage. Die Hauptnachfrager, die Patienten, seien in ihrer „Kaufentscheidung“ nicht frei. Häufig von Schmerzen oder anderen belastenden Symptomen gequält oder sogar vom Tod bedroht, seien sie auf Hilfe angewiesen. Das heiße, ein Verzicht auf Behandlung, vergleichbar mit einem auf dem Markt möglichen „Kaufverzicht“, scheide in vielen Fällen aus, und ein „Kaufaufschub“ sei nur begrenzt möglich. Darüber hinaus werde die Wahlfreiheit zwischen verschiedenen „Produkten“ durch die Wissens- und Informationsasymmetrie – fehlende Sachkompetenz und Entscheidungszeit – praktisch aufgehoben. Die Nachfrage werde so am Ende weitgehend durch die Anbieter bestimmt. Schließlich führe eine verstärkt marktförmige Organisation des Gesundheitswesens zu einer Konzentration auf Angebote, die „sich rechnen“. Zwischenmenschliche Zuwendung, die für das Gelingen von Therapie und Pflege eigentlich unabdingbar sei, gerate darüber fast zwangsläufig ins Hintertreffen, waren sich die Akteure einig.
Dagmar Nedball

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote