ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2008Neuroenhancement: Weichenstellung gefordert

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Neuroenhancement: Weichenstellung gefordert

Dtsch Arztebl 2008; 105(20): A-1058 / B-916 / C-896

Simm, Michael

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Der Leistungsdruck ist groß. Mit Methylphenidat und Modafinil versuchen gerade Studenten, ihre Leistungen zu steigern und einer Ermüdung vorzubeugen. Foto: Vario Images
Der Leistungsdruck ist groß. Mit Methylphenidat und Modafinil versuchen gerade Studenten, ihre Leistungen zu steigern und einer Ermüdung vorzubeugen. Foto: Vario Images
Das Missbrauchpotenzial hirnleistungssteigernder Substanzen wird bisher deutlich unterschätzt. Kontrollen gibt es fast keine.

Die Einnahme leistungssteigernder Substanzen ist längst nicht mehr auf den Spitzensport beschränkt. Vor allem in den USA greifen auch Schüler und Studierende, Akademiker und Manager vermehrt auf pharmakologische Wirkstoffe zurück, um in Ausbildung und Beruf voranzukommen oder an der Spitze zu bleiben. „Wir befürchten nun, dass dieser Trend auch auf Deutschland überschwappt“, warnt Prof. Dr. med. Mathias Berger, Leiter der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg. Zwar habe es auch früher schon vereinzelte Fälle gegeben, bei denen Lernende sich mit Fenetyllin (Captagon) und ähnlichen Präparaten aufputschten. Heute jedoch habe der Missbrauch von mutmaßlich hirnleistungssteigernden Substanzen eine andere Größenordnung erreicht. Viele Studenten bestellten sich Methylphenidat (Ritalin) und Modafinil (Vigil) über das Internet, vorwiegend aus asiatischen Ländern.

Methylphenidat ist indiziert zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) bei Kindern und Jugendlichen. Bereits im Jahr 2005 ergab jedoch eine Befragung von mehr als 10 000 Collegebesuchern in den USA, dass zwischen vier und sieben Prozent der Studierenden ADS-Arzneien mindestens einmal eingenommen hatten, um sich auf Prüfungen vorzubereiten oder eine Nacht lang durchzuarbeiten. Dies obwohl, wie Berger betont, „kontrollierte Studien Schwierigkeiten haben, eine Verbesserung kognitiver Fähigkeiten durch Methylphenidat bei Gesunden nachzuweisen“.

Verbotenes Dopingmittel: Modafinil
Plausibler scheint der Gebrauch von Modafinil, einer Substanz, die zur Behandlung der Narkolepsie zugelassen ist und die in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt. Modafinil vermindert effektiv die Schläfrigkeit auch bei Gesunden und wurde angeblich von Bomberpiloten der US-Streitkräfte während des Irakkriegs eingenommen. Auch Schichtarbeitern und Fernfahrern ist die Einnahme der Substanz in den USA erlaubt. „Ein jährlicher Umsatz von mehr als 200 Millionen US-Dollar mit Modafinil weist auf einen erheblichen Gebrauch außerhalb der zugelassenen Indikation hin“, so Berger. Erst kürzlich wurde die Substanz in die Liste der verbotenen Dopingmittel aufgenommen, nachdem einige Ausdauersportler positiv auf Modafinil getestet worden waren.

Konkrete Zahlen gibt es keine
„Es ist unfair, wenn man einen Sportler wegen Dopings bestraft, während möglicherweise ein Jurastudent unbehelligt bleibt, der sich mit der gleichen Substanz einen beruflichen Vorteil verschafft“, erläutert Berger seinen Standpunkt. Vonseiten des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums, des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte wie auch des Deutschen Ethikrates registrierte der Psychiater in letzter Zeit vermehrtes Interesse an dem Thema. Konkrete Zahlen über das Ausmaß des Missbrauchs hirnleistungssteigernder Substanzen in Deutschland lägen allerdings bisher nicht vor, räumte Berger ein.

Den bislang wohl spektakulärsten Fall von „Hirndoping“ gestand kürzlich der US-amerikanische Pokerspieler Paul Phillips. Er hatte regelmäßig zwei Psychostimulanzien eingenommen, neben Modafinil das nur in den USA zur Behandlung der ADS legal verkäufliche Adderall mit dem Wirkstoff Dextroamphetamin. „Ohne Zweifel bin ich dadurch zu einem viel besseren Spieler geworden“, sagte Phillips gegenüber der „Los Angeles Times“. Die Substanzen hätten ihm geholfen, auf professionellen Pokerturnieren mehr als 2,3 Millionen Dollar zu gewinnen, so Phillips. Da er vor fünf Jahren mit ADS diagnostiziert wurde, wird Phillips seine Preisgelder voraussichtlich trotz dieses Geständnisses behalten dürfen.

Wie verbreitet der Gebrauch hirnstimulierender Substanzen inzwischen ist, offenbarte kürzlich auch das Wissenschaftsmagazin „Nature“, als es zu dem Thema einen Kommentar veröffentlichte und seine Leser befragte. Er habe täglich mit Kollegen und Studenten zu tun, die regelmäßig Methylphenidat und Modafinil einnähmen, gab der Entwicklungsbiologe Jeffrey White von der Louisiana State University in New Orleans zu Protokoll. Diese Kandidaten seien an ihrer anhaltenden Verbitterung und Gereiztheit leicht zu erkennen. Dieser Preis sei ihm aber zu hoch, schrieb White – und bekannte sich stattdessen, wie zahlreiche weitere Diskussionsteilnehmer, zu den „traditionellen“ konzentrationsfördernden Getränken Kaffee und Tee.

Auch die Neurowissenschaftlerin Shelley Batts, Doktorandin an der Universität Michigan, sieht sich umgeben von Kolleginnen, die glauben, sich mit Ritalin auf Prüfungen vorbereiten zu müssen. „Aber wo ist das Problem, wenn die Sicherheit derartiger Substanzen bei Gesunden erwiesen ist?“ Mit Nachhilfelehrern und Tutorien, Geldspenden der Eltern an die Universitäten und dem gezielten Einsatz guter Beziehungen habe man sich schließlich auch abgefunden. Da sei der Einsatz „kognitiver Verstärker“ nur der logische nächste Schritt in einer Welt, die immer mehr von Konkurrenzkampf geprägt werde, argumentiert Batts in ihrem Blog (Internetjournal) „Retrospectacle“. Von Betrug könne man auch deshalb nicht reden, weil eine Pille zwar die Konzentration verbessern, aber niemals die richtige Antwort auf eine Prüfungsfrage enthalten könne.

Mögliche Nebenwirkungen nicht absehbar
Für jedes Argument findet man im Diskussionsforum bei „Nature“ ein Gegenargument*. Der Soldat, dessen Leistung über Leben und Tod entscheide, könne ja wohl nicht ernsthaft kritisiert werden, wenn er konzentrationsfördernde Substanzen einnehme, gibt ein Leser zu bedenken. Tatsächlich laufe ja die gesamte Ausbildung in allen Berufen darauf hinaus, Techniken zu erlernen und Hilfsmittel einzusetzen, um die gestellten Aufgaben optimal zu bewältigen. Ein anderer fordert klare Verbote, um einen Dammbruch zu verhindern. Sonst würde der Gebrauch der „Neuroenhancer“ in der Gesellschaft immer weiter um sich greifen, bis wir alle zu arbeitsbesessenen Zombies mutiert seien. „Ein Trugschluss“, entgegnet der nächste Diskutant: „Wenn ich eine Pille hätte, die mich schneller und besser denken ließe, wäre ich mit der Arbeit früher fertig und hätte mehr Zeit zum Leben.“

Einig sind sich die meisten Experten darin, dass die bisher verfügbaren Substanzen allenfalls moderate Effekte auf die Merk- und Denkfähigkeit des Gehirns haben. Wirklich eindrucksvolle Erfolge wurden bisher lediglich aus Tierversuchen bekannt, beispielsweise mit Fruchtfliegen und Mäusen. Zudem sind laut Berger „die möglichen Nebenwirkungen psychopharmakologischer Eingriffe in kognitive Funktionen beim Menschen nicht im Geringsten absehbar“. Allerdings sind intensive Forschungsanstrengungen auf diesem Gebiet im Gange. „Die Firma, die die erste Gedächtnispille auf den Markt bringt, wird den Erfolg von Viagra bei Weitem in den Schatten stellen“, prophezeit der Bioethiker Paul Root Wolpe von der University of Pennsylvania. Dann aber, fürchtet Berger, könnte es für gesellschaftliche Weichenstellungen bereits zu spät sein: „Die Diskussion über das Hirndoping kommt bei uns gerade erst in Schwung.“
Michael Simm

* Englischsprachiges Forum bei „Nature“: „Would You Boost Your Brain Power?“ http://network.nature.com/forums/naturenewsandopinion/816
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