ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2008Abstammungsbegutachtung: Hochwertige Analyse nicht zum Dumpingpreis

THEMEN DER ZEIT

Abstammungsbegutachtung: Hochwertige Analyse nicht zum Dumpingpreis

Dtsch Arztebl 2008; 105(20): A-1067 / B-923 / C-903

Schneider, Peter M.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Auswertung einer DNA-Analyse für die Abstammungsbegutachtung: Im optimalen Fall werden Merkmale des Kindes, der Mutter und des Putativvaters untersucht. Foto: dpa
Auswertung einer DNA-Analyse für die Abstammungsbegutachtung: Im optimalen Fall werden Merkmale des Kindes, der Mutter und des Putativvaters untersucht. Foto: dpa
Der Gesetzgeber will die Qualität von Vaterschaftsgutachten sichern und heimliche DNA-Analysen verhindern. Noch aber gibt es Fragen, wie das Ziel angesichts eines international boomenden Markts realisiert werden kann.

Das „Gesetz zur Klärung der Vaterschaft unabhängig vom Anfechtungsverfahren“ ist zum 1. April 2008 in Kraft getreten. Damit ist es jetzt möglich, die genetische Abstammung eines Kindes – unabhängig von der rechtlichen Anfechtung der Vaterschaft – auch gegen den Willen der Beteiligten feststellen zu lassen. Die Frage, von wem ein Kind abstammt, kann für eine Familie von existenzieller Bedeutung sein. Der rechtliche Vater möchte wissen, ob er auch der biologische Vater ist. Das Kind möchte wissen, von wem es abstammt, und zuweilen möchte auch die Mutter Klarheit schaffen. Dieses Klärungsinteresse, so hat das Bundesverfassungsgericht am 13. Februar 2007 entschieden (1), ist verfassungsrechtlich geschützt. Das höchste deutsche Gericht stellte fest, dass ein „heimlicher“ Vaterschaftstest im gerichtlichen Verfahren nicht verwertet werden darf und gab dem Gesetzgeber auf, bis zum 31. März 2008 die Grundlagen für ein Verfahren zu schaffen, das allein zur Feststellung der Vaterschaft dient, ohne dass eine Anfechtungsklage eingereicht werden muss.

Die Frage der Abstammung konnte auch bislang schon rechtlich einwandfrei in einem privaten Gutachten geklärt werden, wenn sich alle Betroffenen einverstanden erklärten und das Gutachten nach Vorgaben der „Richtlinien für die Erstattung von Abstammungsgutachten“ des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer (2) angefertigt wurde. Wesentliche Merkmale des richtlinienkonformen Gutachtens sind: die Einwilligung aller Beteiligten beziehungsweise der Sorgeberechtigten bei minderjährigen Kindern, die Untersuchung von Kind, Kindesmutter und Eventualvater anhand einer vom Untersucher entnommenen genetischen Probe mit schriftlich dokumentierter Identitätsprüfung (einschließlich Foto und Fingerabdruck), die Untersuchung von mindestens zwölf unabhängig vererbten Genorten mit einer Mutationsrate von jeweils unter 0,5 Prozent: Statistisch kommt es bei weniger als einer von 200 Meiosen zur Entstehung eines neuen Merkmals, welches bei den Eltern nicht vorhanden ist und so einen Vaterschaftsausschluss vortäuschen könnte. Außerdem muss die kombinierte AVACH (AVACH steht für allgemeine Vaterschafts-Ausschluss-Chance) mehr als 99,99 Prozent betragen. Und es gibt klare Anforderungen an die Qualifikation des Sachverständigen und seines Labors.

Das Kindeswohl nicht zu gefährden und dennoch die Klärung der Abstammung zu erleichtern, ist Ziel der neuen rechtlichen Regelungen. Foto: Photothek
Das Kindeswohl nicht zu gefährden und dennoch die Klärung der Abstammung zu erleichtern, ist Ziel der neuen rechtlichen Regelungen. Foto: Photothek
Sperrte sich allerdings einer der Betroffenen gegen die Abstammungsbegutachtung, blieb dem rechtlichen Vater nach bisherigem Recht nur die Möglichkeit einer Anfechtungsklage (§§ 1600 ff. BGB), die innerhalb einer Frist von zwei Jahren nach Kenntnis der gegen die Vaterschaft sprechenden Umstände erhoben werden musste. Im Rahmen eines solchen Verfahrens konnte die Abstammung zwar geklärt werden – stellte sich allerdings heraus, dass der rechtliche nicht der biologische Vater ist, wurde damit zwangsläufig das rechtliche Band zwischen Vater und Kind zerrissen. Aufgrund des neu in das Familienrecht eingeführten § 1598 a BGB haben Vater, Mutter und Kind jeweils gegenüber den anderen beiden Familienangehörigen einen Anspruch auf Klärung der Abstammung. Das heißt, die Betroffenen müssen in eine private Abstammungsuntersuchung einwilligen und die Entnahme der erforderlichen Proben dulden. Der Anspruch ist an keine weiteren Voraussetzungen geknüpft, das heißt, eine Anfechtungsklage ist nicht mehr damit verbunden. Willigen die anderen Familienangehörigen nicht in die Abstammungsuntersuchung ein, wird ihre Einwilligung grundsätzlich vom Familiengericht ersetzt. Zusätzlich kann das Verfahren ausgesetzt werden, um dem Kindeswohl in außergewöhnlichen Fällen (wie zum Beispiel besondere Lebenslagen und Entwicklungsphasen) Rechnung zu tragen. Die in § 1600 b BGB festgelegte Anfechtungsfrist bleibt hingegen bestehen, allerdings hat das Verfahren zur Klärung der Abstammung eine hemmende Wirkung auf diese Frist. So ist sichergestellt, dass zum Beispiel durch eine Verschiebung der Abstammungsklärung aufgrund der Berücksichtigung des Kindeswohls die Frist zur Anfechtung nicht überschritten wird.

Bei Anhörungen zu diesem Gesetzgebungsverfahren wurde von Sachverständigen darauf hingewiesen, dass auch Qualitätsanforderungen an das von den Parteien privat einzuholende Abstammungsgutachten dringend notwendig sind (3). Dies erscheint gerade vor dem Hin-tergrund einer Vielzahl teilweise obskurer Angebote von Billiganbietern, vorwiegend im Internet, von besonderer Dringlichkeit. Hier wird immer noch aggressiv für „heimliche“ Vaterschaftstests geworben, indem unter Verweis auf die angeblich große Zahl sogenannter Kuckuckskinder mit den Ängsten zweifelnder Väter Geschäfte gemacht werden. Die in diesem Zusammenhang oft genannten Zahlen von zehn bis 20 Prozent (4) erscheinen jedoch deutlich zu hoch angesetzt, da sie auf den Ergebnissen von durchgeführten Vaterschaftstests beruhen. Da Vaterschaftstests jedoch meist wegen eines bereits vorliegenden Verdachts auf Nichtvaterschaft beauftragt werden, liegt es nahe, dass diese Zahlen die Realität weit überschätzen. Eine britische Studie auf der Basis wissenschaftlich publizierter Daten aus medizinisch-genetischen Untersuchungen, die nicht im Zusammenhang mit Vaterschaftsfragen durchgeführt worden waren, hat hingegen für abweichende Vaterschaften eine mittlere Zahl von nur 3,7 Prozent ergeben (5).

Der „Onlinemarkt“ für DNA-Vaterschaftstests ist für den Laien, der sich vermutlich zunächst am Preis orientiert, undurchschaubar geworden, da die vom Einsender selbst entnommenen genetischen Proben zum Teil nur über Briefkastenfirmen gesammelt und anschließend im Ausland unter nicht überprüfbaren Bedingungen analysiert werden. Es kommt erschwerend hinzu, dass aus Kostengründen oftmals nur die genetischen Proben des zweifelnden Vaters und des Kindes untersucht werden. Das Fehlen der mütterlichen Probe bedingt jedoch einen erheblichen Informationsverlust, da hier der Mutter-Kind-Vergleich wegfällt. So kann ein vererbtes Merkmal nicht eindeutig als vom Vater stammend identifiziert werden, weil es ebenso von der Mutter stammen könnte. Als Folge kann es im Falle einer Nichtvaterschaft zu verdeckten Ausschlusskonstellationen kommen, bei denen der untersuchte Mann zwar ein Merkmal mit dem Kind gemeinsam hat, aber dieses in Wirklichkeit von der Mutter vererbt wurde. Dies ist besonders dann gravierend, wenn der tatsächliche Vater mit dem untersuchten Mann verwandt ist und nur eine geringe Zahl von ausschließenden Erbinformationen zu erwarten ist. Die Kindesmutter muss daher, wann immer möglich, mit untersucht werden. In Fällen, bei denen dies nicht durchführbar ist, muss daher der in den Richtlinien geforderte Umfang von zwölf Systemen auf mindestens 16 bis 18 erhöht werden. Die erhoffte Einsparung von Kosten durch den Verzicht auf die Untersuchung der Kindesmutter wird letztendlich durch die in diesen Fällen notwendige Erweiterung des Typisierungsumfangs zunichtegemacht.

Es gibt darüber hinaus einige Fehlerquellen, die zu falschen Ergebnissen führen können, wenn formale und labortechnische Qualitätsstandards nicht beachtet werden. Bei der Untersuchung selbst entnommener und zur Untersuchung eingesandter Proben kann es aufgrund mangelnder Kennzeichnung zu Vertauschungen ganzer Fälle kommen, vor allem, wenn es sich um ein „Briefkastenlabor“ handelt, das diese Proben nur sammelt und weitersendet. Eine Gewahrsamskette mit Rückverfolgbarkeit der Probenidentität lässt sich grundsätzlich nicht realisieren.

Wenn die Proben im Labor nur ein einziges Mal untersucht werden, ist dann auch eine Verwechslung schwer zu erkennen. Daher sollten alle Analysen in zwei unabhängigen Ansätzen erfolgen, damit eine interne Plausibilitätskontrolle der Ergebnisse möglich ist. Bei einem Vaterschaftsausschluss sollte eine zweite Extraktion und Analyse der DNA aus der Originalprobe erfolgen, um auszuschließen, dass dieses Ergebnis durch laborinterne Vertauschung einer einzelnen Probe zustande gekommen ist. Alle Typisierungsergebnisse sollten als Tabelle im Gutachten aufgelistet und die Ergebnisse erläutert sein, damit diese gegebenenfalls in einem unabhängigen Labor überprüft werden können.

Zuverlässigkeit von Gutachten oft schwer durchschaubar
Die Kriterien für einen Ausschluss der Vaterschaft müssen dargelegt werden, und genauso müssen die Hypothesen bei der Berechnung der Vaterschaftswahrscheinlichkeit im Fall eines Nichtausschlusses erläutert werden. Dazu gehört ebenfalls die Anwendung adäquater biostatistischer Methoden, die auch das Vorliegen einer möglichen Mutation in einem der untersuchten Systeme berücksichtigen. Leider ist es gerade für den Laien, der versucht, sich im Internet über Vaterschaftstests zu informieren, oftmals schwer zu erkennen, ob ein Anbieter diese Kriterien im Gutachten erfüllt.

Dabei sind die Anforderungen an die Qualität der Laboruntersuchungen und die Kompetenz der Sachverständigen bereits seit 2002 zentraler Bestandteil der oben genannten Richtlinien für Abstammungsgutachten. Entsprechend den dort gemachten Vorgaben wird die wissenschaftliche und praktische Qualifikation der Sachverständigen derzeit durch eine Kommission unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Abstammungsbegutachtung im Einvernehmen mit Vertretern von fünf wissenschaftlichen Fachgesellschaften auf freiwilliger Basis festgestellt und beurkundet (6).

Pflicht zur Akkreditierung könnte Qualität sichern helfen
Nach den Plänen des Gesetzgebers sollen Qualitätsanforderungen im künftigen Gendiagnostikgesetz definiert werden, zu dem am 16. April 2008 von der Bundesregierung die Eckpunkte veröffentlicht wurden (7). Danach sollen von einer Gendiagnostik-Kommission verbindliche Richtlinien zum allgemein anerkannten Stand der medizinischen Wissenschaft und Technik erarbeitet werden, die sowohl die Qualifikation der Personen als auch die Durchführung der genetischen Analysen betreffen.

Unklar bleibt allerdings, ob damit eine Akkreditierung aller Labors mit Einführung eines Qualitätsmanagement-Systems nach international anerkannten Normen (8) gemeint ist, wie sie schon heute in einer Reihe von europäischen Nachbarländern verbindlich gefordert wird. Auch die Deutsche Gesellschaft für Abstammungsbegutachtung hält eine Pflicht zur Akkreditierung wegen der weitreichenden Konsequenzen einer Abstammungsbegutachtung für die Familien für unbedingt sinnvoll. Zwölf rechtsmedizinische Institute und eine Reihe von etablierten klinischen und privaten Labors erfüllen die Qualitätskriterien und sind nach der entsprechenden DIN-Norm akkreditiert (Liste der akkredierten Labors beim Deutschen Akkreditierungsrat unter www.dar.bam.de).

Im geplanten Gendiagnostikgesetz soll außerdem verbindlich festgeschrieben werden, dass genetische Untersuchungen zur Feststellung der Abstammung eines Kindes nur dann zulässig sind, wenn die Personen, von denen eine genetische Probe untersucht werden soll, in die Untersuchung eingewilligt haben. In Verbindung mit der nunmehr legalen Möglichkeit, auch gegen den Willen der Mutter einen Vaterschaftstest durchführen zu lassen, sollen auf diesem Weg „heimliche“ Gutachten verboten werden. Es ist allerdings noch ungeklärt, mit welchen Sanktionen dieses Verbot durchgesetzt werden soll, zumal durch die vorab geschilderte „Internationalisierung“ dieses Markts über das Internet nationale Verbote leicht umgangen werden können. Trotz dieser noch ungeklärten Fragen ist das jetzt in Kraft getretene Gesetz ein Schritt in die richtige Richtung, da es dem begründeten Wunsch des Vaters auf Wissen um seine genetische Vaterschaft zu seinem Kind eine bessere rechtliche Grundlage verschafft.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2008; 105(20): A 1067–9

Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. rer. nat. Peter M. Schneider
Vizepräsident der International
Society for Forensic Genetics
Institut für Rechtsmedizin
Klinikum der Universität zu Köln
Melatengürtel 60–62, 50823 Köln
E-Mail: peter.schneider@uk-koeln.de
Anzeige
1.
BvR 421/05, FamRZ 2007, 441 ff.
2.
Richtlinien für die Erstattung von Abstammungsgutachten, Dtsch Arztebl 2002; 99(10): A 665–7. VOLLTEXT
3.
BT Drucksache 16/6561 vom 4. 10. 2007.
4.
Zum Beispiel: „Jedes fünfte Baby ein ,Kuckuckskind‘“; Berliner Morgenpost vom 16. Januar 2005 (Stand 20. 4. 2008) www.morgenpost.de/content/2005/01/16/berlin/728789.html
5.
Bellis MA et al.: Measuring paternal discrepancy and its public health consequences. J Epidemiol Community Health 2005; 59: 749–54. MEDLINE
6.
Informationen der Kommission zur Feststellung der Qualifikation von Abstammungsgutachtern; www.kfqa.de.
7.
Pressemitteilung des BMG vom 16. 4. 2008.
8.
DIN EN ISO/IEC 17025 (Anforderungen an Prüflaboratorien) und DIN EN ISO 15189 (Anforderungen an medizinische Laboratorien).
1. BvR 421/05, FamRZ 2007, 441 ff.
2. Richtlinien für die Erstattung von Abstammungsgutachten, Dtsch Arztebl 2002; 99(10): A 665–7. VOLLTEXT
3. BT Drucksache 16/6561 vom 4. 10. 2007.
4. Zum Beispiel: „Jedes fünfte Baby ein ,Kuckuckskind‘“; Berliner Morgenpost vom 16. Januar 2005 (Stand 20. 4. 2008) www.morgenpost.de/content/2005/01/16/berlin/728789.html
5. Bellis MA et al.: Measuring paternal discrepancy and its public health consequences. J Epidemiol Community Health 2005; 59: 749–54. MEDLINE
6. Informationen der Kommission zur Feststellung der Qualifikation von Abstammungsgutachtern; www.kfqa.de.
7. Pressemitteilung des BMG vom 16. 4. 2008.
8. DIN EN ISO/IEC 17025 (Anforderungen an Prüflaboratorien) und DIN EN ISO 15189 (Anforderungen an medizinische Laboratorien).

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema