ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2008Randomisierte Studien: Keine Wahrheit
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. . . Niemand wird bezweifeln, dass aufgrund von Statistiken grundsätzlich wichtige Erkenntnisse gewonnen und gültige Aussagen über das Verhalten großer Gruppen gemacht werden können. Allerdings sind diese ebenso zeitbedingt und von den wechselnden Umständen (Kulturen, Nationen, Städten usw.) abhängig wie das Verhalten der einzelnen Individuen. Statistiken sagen jedoch gar nichts (!) über die Krankheitsentwicklung des einzelnen Individuums in einer besonderen Lebenssituation aus. Die Zukunft ist für den individuellen Patienten weder im Einzelfall noch aufgrund des Verhaltens größerer Gruppen vorherzusagen. Daher ist der Satz, wonach im Vergleich zweier Therapieverfahren „ . . . das Ergebnis eine kausale Aussage [erlaubt] in dem Sinne, dass die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Ergebnis durch die Behandlung verändert wird“, welcher die nachfolgenden Überlegungen zur Randomisierung rechtfertigen soll, in sich nicht konsistent bzw. irreführend. Denn eine kausale Aussage ist ihrem Wesen nach keine statistische Aussage über Wahrscheinlichkeit. Und in der Evaluation individueller ärztlicher Behandlung geht es nicht um das Verhalten größerer Gruppen. Randomisierte Studien ergeben zwar Wahrscheinlichkeit, aber keine Wahrheit. Das Problem ist hier die Gleichsetzung von Wahrscheinlichkeit mit Wahrheit. In der ärztlichen Beratung und Behandlung eines Patienten in einer individuellen Lebenssituation kommt gerade dem Begriff der Wahrheit große Bedeutung zu. Der Patient möchte vom Arzt wahre und ehrliche Auskunft und Hilfe erhalten. Dagegen kommt der Wahrscheinlichkeit hier eher eine untergeordnete Stellung zu. Der Patient möchte in der Tat wissen, ob er mit der Anwendung eines Verfahrens „besser dran“ ist als mit einem anderen. Das weiß der Arzt aber durch Ergebnisse randomisierter klinischer Untersuchungen allein noch nicht, da jeder Patient stets neue und andere Ausgangsbedingungen mitbringt. Ein Verfahren durch Zufallsverteilung zu untersuchen, ist sicherlich hin und wieder notwendig und hilfreich, aber wie die Autoren selbst bemerken, weder der einzige noch immer der richtige Weg, auf dem man zu ärztlichen Erkenntnissen gelangen kann – und sollte . . .
Dr. med. Hans Jürgen Scheurle,
Unterer Kirchweg 13, 79410 Badenweiler
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