ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2008Randomisierte Studien: Kein Ende abzusehen
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Nein, ich lehne es ab, das Wesen meiner ärztlichen Tätigkeit in erster Linie über die Denkstrukturen der RCTs zu definieren. RCTs besitzen ihre Relevanz in der Klärung von Kausalzusammenhängen vorwiegend in Physiologie und Pharmakologie, also Wissenschaften, in denen es sich nicht um das Verstehen eines anderen Subjekts handelt. Ihr Ansatz hat Gültigkeit für alle praktizierenden Naturwissenschaftler, also für Ärzte, aber auch für Architekten und Ingenieure, ohne für diese Berufe ein besonderes Berufsethos zu definieren. Die Denkstrukturen der RCTs stehen in der Praxis denen meines ärztlichen Handelns diametral entgegen. Um zu validen Ergebnissen zu kommen, müssen die Studienteilnehmer als Studienobjekte ihrer Individualität entkleidet werden. Dieses Vorgehen ergibt sich systemimmanent aus den zu eliminierenden Zufälligkeiten, die jedem Individuum, gleichgültig ob Arzt oder Patient, eigen sind und worauf die Autoren zu Recht wiederholt hinweisen. Der Therapievertrag beruht aber gerade darauf, dass sich zwei Individuen auf ein gemeinsam handelndes Wir-Subjekt einigen. Diese Haltung lässt sich ethisch begründen. Sie resultiert aus einem Gedankengang Kants in der Metaphysik der Sitten. Danach ist jeder Mensch ein Zweck an sich, der von anderen nicht als Objekt instrumentalisiert werden darf. Aus diesem individualmedizinischen Ansatz ergeben sich Fragen nach Kausalzusammenhängen, die weit über die Antworten einer RCT hinausgehen. Etwa bei Tress (2007), der die bio-psycho-soziale Kausalkette von traumatischem Kindheitserlebnis, Persönlichkeitsstörung, risikoreichem Gesundheitsverhalten, Krankheit und vorzeitigem Tod beispielsweise an KHK aufstellt. Damit ist medizinischer Forschung und psychosomatischer Medizin ein Aufgabenfeld zugewiesen, dessen Ende noch nicht abzusehen ist . . .
Literatur beim Verfasser
Dr. med. Walter Benoit, Im Ebbe 5,
58849 Herscheid
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