ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2008Kunst- und Naturgenuss auf Mallorca: Das Wunder von Deià

KULTUR

Kunst- und Naturgenuss auf Mallorca: Das Wunder von Deià

Dtsch Arztebl 2008; 105(20): A-1077 / B-933 / C-913

Schiller, Bernd

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Exzentrisches Deià: Noch immer zieht das Dorf an der Westküste Künstler an.
Exzentrisches Deià: Noch immer zieht das Dorf an der Westküste Künstler an.
Von Genies und Lebenskünstlern, vom Picknick unter Pinien und weitere Geschichten aus dem anderen Mallorca

Arturo Rhodes ist ein interessanter Mann: groß, schlank, mit einem sehr englischen, sehr aristokratischen Kopf. Er trägt gern rote Halstücher, und auf die Farbreste an seinen Hemden und Händen ist er stolz. Arturo lebt seit 25 Jahren als Maler im Künstlerdorf Deià, in einem urigen Steinhaus hoch über dem Ort und noch höher über dem Meer, dort, wo Mallorca ganz still und wirklich ganz „anders“ ist.

Als der Bonvivant Anfang der 80er-Jahre an die Westküste der Insel kam, trafen sich in den Galerien, Bars und Cafés von Deià noch mindestens 40 ortsansässige Maler, Bildhauer und andere Künstler. Heute mögen es fünf oder sechs sein, vielleicht auch zehn, die vor Ort ihr Brot mit Kunst verdienen. „Es kommen neue, es gehen andere“, sagt Arturo, „aber viele sind es nicht mehr, die für immer bleiben.“ Und dennoch ist Deià noch immer von eigenwilliger, vielleicht sogar exzentrischer Atmosphäre geprägt.

Arturo Rhodes: Der Maler und Bonvivant lebt seit 25 Jahren in Deià.
Arturo Rhodes: Der Maler und Bonvivant lebt seit 25 Jahren in Deià.
Der britische Gentleman-Schriftsteller Robert Ranke Graves war vielleicht der erste, der das Flair der wildromantischen Nordwestküste entdeckte. Er kam vor etwa 80 Jahren und machte die verschlafenen Dörfer zwischen dem Meer und der Serra de Tramuntana vor allem in England bekannt. Immer mehr Künstler folgten ihm, dem neuerdings ein Museum in Deià gewidmet ist. Und irgendwann zogen auch die Wohlhabenden aus aller Welt in die Steinhäuser, die seit alten Zeiten wie kleine Festungen auf den Hügeln thronen. Heute sind Grund und Boden in Deià sündhaft teuer.

David Templeton: erfolgreich als Maler, Musiker, Hobbykoch und bei den Frauen
David Templeton: erfolgreich als Maler, Musiker, Hobbykoch und bei den Frauen
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Trotzdem ist das Dorf „heil“ geblieben; kein Platz für Touristenbusse oder Souvenirbuden.

Man kennt sich in Deià: Joanna zum Beispiel, die Töpferin aus Chicago, die früher Christian’s Bar betrieben hat und jetzt in ihrem Studio in einer Nebenstraße werkelt. Oder David, der als Künstler und Womanizer gleichermaßen erfolgreich ist: David Templeton, gut aussehender Maler, beliebter Musiker und großartiger Hobbykoch, hat einmal dem spanischen Kronprinzen die Freundin ausgespannt. Überdies hat er jahrelang Don Roberto, wie Robert Graves genannt wurde, jeden Mittwoch porträtiert. Seither ist sein Ansehen in der kleinen, feinen Gesellschaft von Deià kaum noch zu toppen.

Auch Werner Kellermann, einen Wanderführer aus der Pfalz, der seit 15 Jahren Mallorca-Urlaubern die Naturschönheiten der Tramuntana zeigt, darf man einen Lebenskünstler nennen. In diesen Wochen zieht er fast täglich mit den Gästen des Hotels „Es Molí“ morgens um neun Uhr zu einer Tagestour in die Berge. Im Rucksack: Wein, Schinken, Käse und natürlich Pa Amb Oli, das typische Tomatenbrot der Mallorquiner. Im Schatten alter Pinien und Steineichen lassen sich die Wanderer ihr Picknick schmecken.

Die Geschichte des Hotels „Es Molí“, Ausgangsort dieser und anderer Wanderungen, ist so spannend wie die des Künstlerdorfs, an dessen Rand es liegt. Sie reicht mehr als 500 Jahre zurück. Die Besitzer hatten zum Landadel gehört und neben ihrem Stammsitz eine Mühle betrieben; darauf weist der mallorquinische Name bis heute hin. Eine Familie aus dem Rheinland wandelte 1966 die Finca in eines der schönsten Hotels der Westküste um.

Vormittag in Deià. Es ist ruhig in den Gassen, Zeit für Gespräche in den Galerien oder für einen Café con leche und ein Stück Ensaïmada, die mallorquinische Form des Kopenhageners. Der beste Platz, den Dorfkosmos zu überblicken, ist die Bar „Sa Fonda“, gegenüber vom Gemischtwarenladen. Katzen schnurren auf der Steintreppe in der Sonne, der Polizist und der Briefträger tauschen den neuesten Klatsch aus. Auch Arturo und David blinzeln bei einem Drink in den noch jungen Tag. Später setzt sich Toni dazu, ein Herr im besten Sinne, ein kleiner Grande aus einer vergangenen Epoche. Es freut ihn jedes Mal, wenn man versichert, dass man ihm seine 92 Jahre nicht ansieht.

Man redet über Kunst und über die alten Zeiten. Tonis Eltern hatten eine Pension, in der die Maler oft genug nur ihre Bilder in Zahlung geben konnten. Und wen hat er nicht alles getroffen: Ava Gardner, Peter Ustinov, Alec Guinness waren seine Freunde. Michael Douglas wohnt nicht weit von Deià. Und Andrew Lloyd Webber soll bald sein Nachbar werden.
Bernd Schiller

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