ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2008Börsebius: Eingeseifte Sau

GELDANLAGE

Börsebius: Eingeseifte Sau

Dtsch Arztebl 2008; 105(20): A-1083 / B-935 / C-915

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Welch ein glücklicher Tag war das vor gut einem Jahr für die amerikanische Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton, als sie den Auftrag erhielt, das Korruptionsverfahren bei Siemens zu durchleuchten.

Seither sind Heerscharen unterwegs, gegen üppige Bezahlung, versteht sich, und sie finden täglich neue Beweise für den globalen Schmiergeldsumpf. Nicht mehr lange, dann wird auch die allerletzte Spesenabrechnung in Feuerland gegengecheckt sein.

Der ganze Almauftrieb an Anwälten und Beratern hat nur einen einzigen Zweck: die US-Börsenaufsicht milde zu stimmen. Das war zu Beginn der Korruptionsaffäre auch im Sinne aller Beteiligten, ein Zeichen sollte gesetzt werden. Doch mittlerweile nimmt die Hatz Ausmaße an, deren Kosten vermutlich noch über denen der ominösen schwarzen Kassen liegen dürften. Im letzten Quartal flossen allein sagenhafte 175 Millionen Euro Honorar. Dass sich die amerikanische Aufsichtsbehörde SEC so nebenbei als Schutzmacht der US-Industrie aufbaut, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Übrigens: Hätte die SEC wenigstens nur die halbe Sorgfalt bei der Überwachung dubioser Immobiliendarlehensverbriefungsgeschäfte an den Tag gelegt und nur annähernd mit der gleichen Elle gemessen, mit der sie ausländische Konzerne drangsaliert, dann wäre die US-Subprime-Krise möglicherweise nie eingetreten.

Damit wir uns bloß nicht missverstehen. Korruption ist ein ziemlich übles Geschäft und gehört rigoros verfolgt. Aber nicht, wenn es nur einen trifft und ein Weltkonzern gnadenlos demontiert werden soll. Nicht nur Siemens hat geschmiert, alle haben geschmiert. Jüngste Meldungen bringen auch den französischen Energie- und Transportkonzern Alsthom ins Gerede, ähnliche Vorwürfe stehen schon seit einiger Zeit gegen die EADS, die britische BAE Systems und den Rüstungskonzern Thales im Raum, um nur einige wenige zu nennen.

Forderungen mancher Politiker, die Manager und Aufsichtsräte dieser Konzerne zum Schadensersatz zu verdonnern, zeugen bloß von alberner Ahnungslosigkeit. Dazu bedürfte es erst einmal, nach Schaffung vernünftiger Antikorruptionsgesetze, eines rechtskräftigen Urteils und eines vollstreckbaren Titels.

Meines Wissens ist hierzulande noch kein Topmanager oder Aufsichtsrat diesbezüglich juristisch aufgefallen. Schon der legendäre Deutschbanker Hermann Josef Abs (der, als er einmal gefragt wurde, wie Deutsche Bank buchstabiert wird, schlicht erwiderte „A wie Abs, B wie Abs, S wie Abs“) war der Auffassung, einen Aufsichtsrat wegen etwaiger Pflichtverletzungen zur Leistung von Schadensersatz zu verurteilen, sei ungefähr so unmöglich, wie eine eingeseifte Sau am Schwanz zu packen. So war es, so ist es.
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