ArchivDeutsches Ärzteblatt20/2008Gegen den Ärztemangel: Zur Ärzteakquise nach Wien

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Gegen den Ärztemangel: Zur Ärzteakquise nach Wien

Gieseke, Sunna

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Auf ins gelobte Land – österreichische Ärzte kommen zur Weiterbildung nach Deutschland. Zeichnung: Ralf Brunner
Auf ins gelobte Land – österreichische Ärzte kommen zur Weiterbildung nach Deutschland. Zeichnung: Ralf Brunner
Ärztinnen und Ärzte fahren nach dem Studium Taxi oder sind arbeitslos – in Deutschland undenkbar, in Österreich Realität. Seit einiger Zeit werben die neuen Bundesländer in Österreich um junge Ärzte.

Die mehr als 100 jungen Menschen auf der Wiener Jobbörse für Mediziner sind gespannt. Unter ihnen ist auch Anna Maitz*. Sie plant, nach dem Studium ihre Facharztweiterbildung im Ausland zu absolvieren und will sich hier Tipps holen. An den Ständen stellen die Krankenhäuser sich und ihre Angebote vor. Als Maitz vom Vertreter eines Krankenhauses eingeladen wird, unbedingt seinen Stand aufzusuchen, genießt sie es: „Es tut gut, auch einmal so hofiert zu werden.“

In zahlreichen Vorträgen gibt es Antworten auf die vielen Fragen. Vor allem: Was wird den Absolventen im Ausland geboten? Attraktive Arbeitszeiten, hervorragende Weiterbildung, moderne Krankenhäuser, gute Bezahlung, viel Verantwortung (aber immer mit der notwendigen Anleitung) – das klingt toll. Das seien paradiesische Arbeitsbedingungen, die sich jeder Arzt nur wünschen könne, berichten auch junge Österreicher aus eigener Erfahrung. Die Rede ist hier nicht von Großbritannien oder Norwegen oder gar der Schweiz. Die jungen Ärzte sprechen von Ostdeutschland.

Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt warben Mitte April bei der „Jobs ’08“ in Innsbruck, Graz und Wien um Absolventen des Medizinstudiums. Bereits einen Monat zuvor haben sich schon die Ärztekammern Sachsen und Thüringen vorgestellt. Die Veranstaltung wurde zusammen mit „DOCANDDOC.at“, einer Internetjobbörse, und der Österreichischen Ärztekammer organisiert.

„Es ist eine Win-win-Situation“, betont Dr. Peter Gschaider aus dem Internationalen Büro der Österreichischen Ärztekammer. Die ostdeutschen Krankenhäuser könnten in Zeiten des Ärztemangels offene Stellen besetzen, für die österreichischen Studierenden biete sich die Möglichkeit, praktisch zu arbeiten.

Die Arbeitsplatzsituation in Österreich ist aktuell alles andere als rosig. Nach dem Studium warten viele angehende Mediziner auf einen „Turnusplatz“, den sie brauchen, um nach dreijähriger Weiterbildungszeit ihre Approbation zu erhalten. Nach wie vor müssten die angehenden Ärzte aber mit Wartezeiten von 18 bis 36 Monaten auf eine Stelle als Turnusarzt rechnen, heißt es bei der Sächsischen Landesärztekammer, die bereits seit drei Jahren in Österreich auf Ärzteakquise geht. Die Jobbörse dient demnach auch den Interessen der Studierenden: „In Deutschland herrscht Ärztemangel. Daraus ergibt sich für uns eine große Chance“, erklärt Stefan Konrad, stellvertretender Vorsitzender der studentischen Universitätsvertretung an der Medizinischen Universität in Wien. Gerade in der Medizin sei es wichtig, praktisch tätig zu sein, ergänzt Franz Kaiser, Geschäftsführer von „DOCANDDOC.at“.

Deutschland gilt auch deshalb als attraktives Auswanderungsland, weil es keine Sprachbarriere gibt. „Außerdem wird es einem sehr leicht gemacht, in Ostdeutschland zu arbeiten. Der bürokratische Aufwand, um eine Arbeitserlaubnis zu kriegen, ist einfach geringer als zum Beispiel für die Schweiz“, erklärt ein 26-jähriger Neurologe, der zurzeit als Assistenzarzt in Sachsen-Anhalt tätig ist. „Den Österreichern wird in Ostdeutschland ein roter Teppich ausgerollt“, betont auch Kaiser.

Immer wieder wird natürlich auch nach den Verdienstmöglichkeiten gefragt. „Scheuen Sie sich nicht davor, mit den Krankenhäusern über Ihren Verdienst zu verhandeln“, rät Dr. med. Rüdiger Schöning, ärztlicher Geschäftsführer der Ärztekammer Sachsen-Anhalt. „Sie gehören zu einem sehr, sehr gefragten Berufsstand“, ergänzt Isa Weiß, Regierungsdirektorin im Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt. Sie erläutert detailliert, was die Österreicher alles an Formularen einreichen müssen, um in Ostdeutschland arbeiten zu dürfen.

Der junge Neurologe bewertet seine Situation eher pragmatisch: „Besser in Ostdeutschland die Weiterbildung zum Facharzt absolvieren, als in Österreich arbeitslos sein.“ Er schätzt aber auch die hohe Qualität der Weiterbildung in Deutschland: „Ich werde gefördert und darf viel eigenständig machen. Meine Patienten behandle ich selbst und bespreche mich dann danach mit meinem Oberarzt.“ Einige der österreichischen Assistenzärzte kämen mit dieser ungewohnten Verantwortung aber auch nicht zurecht, meint Jobberater Kaiser: „Das ist eigentlich eine Frage des persönlichen Zugangs zum Beruf.“ Zudem falle es einigen sehr schwer, Freunde und Familie in der Alpenrepublik zurückzulassen. Viel mehr als eine Alternative, um die Zeit bis zum endgültigen Berufseinstieg in Österreich zu überbrücken, ist die Weiterbildung in Deutschland für manche Absolventen daher nicht: „Ich möchte eigentlich lieber in Österreich arbeiten, allerdings will ich nicht mein berufliches Ziel aufgeben“, erläutert die junge Studentin Maitz, die Fachärztin für Innere Medizin werden möchte, ihre Beweggründe für den Besuch der Jobbörse.

Die Sächsische Landesärztekammer ist mit dem Erfolg der nunmehr dritten Jobbörse zufrieden. Auf den drei Veranstaltungen haben sich nach ihren Angaben mehr als 380 junge Ärzte und Medizinstudierende für eine Tätigkeit in Sachsen oder Thüringen interessiert. „Nach drei Jahren können wir auf eine erfolgreiche Bilanz für alle Seiten blicken. Mehr als 60 Ärzte haben sich in diesem Zeitraum bei der Sächsischen Landesärztekammer angemeldet. Freie Klinikstellen konnten besetzt werden. Junge Kollegen aus Österreich konnten ihre Weiterbildung beginnen und auch hier abschließen“, erklärt der Präsident der Landesärztekammer, Prof. Dr. med. Jan Schulze. Und auch Kaiser ist begeistert von der Veranstaltung: „Das hat in den letzten Jahren eine Dynamik bekommen, die ich so nie erwartet hätte.“

Eine Frage, die die Studentin Maitz sich stellt, bleibt an diesem Tag allerdings weitestgehend unbeantwortet: „Warum wandern eigentlich so viele deutsche Ärzte in Länder wie Großbritannien, Schweden und die Schweiz aus?“
Sunna Gieseke

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