ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2008Siegmund Kalinski: Der engagierte Arzt und Journalist

LAUDATIONES

Siegmund Kalinski: Der engagierte Arzt und Journalist

Dtsch Arztebl 2008; 105(21): A-1142 / B-986 / C-966

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Dr. med. Siegmund Kalinski hat sich besonders um die Förderung der Allgemeinmedizin verdient gemacht. Als engagierter Standespolitiker und kritischer Journalist nimmt er kein Blatt vor den Mund. Foto: Michael Popovi´c
Dr. med. Siegmund Kalinski hat sich besonders um die Förderung der Allgemeinmedizin verdient gemacht. Als engagierter Standespolitiker und kritischer Journalist nimmt er kein Blatt vor den Mund. Foto: Michael Popovi´c
Mit vollen Einsatz war Dr. med. Siegmund Kalinski (81) in seiner Hausarztpraxis 28 Jahre lang für seine Patienten da. Stark gemacht hat er sich zudem für den hausärztlichen Nachwuchs – als Weiterbildungsermächtigter für Allgemeinmedizin und Lehrbeauftragter an der Universität Frankfurt am Main. Als Journalist nimmt er zu gesundheitspolitischen Fragen kompetent Stellung. Vorbildlich ist sein Einsatz für die ärztliche Selbstverwaltung sowie für die deutsch-polnischen Beziehungen und die Aufarbeitung des Holocaust.

Kalinski wurde am 21. März 1927 in Krakau, Polen, als Sohn des Kaufmanns Leopold Klausner geboren. Seine Eltern waren Juden und wurden während des Zweiten Weltkriegs von den Nazis verschleppt. Er selbst kam 1942 ins Konzentrationslager Szebnie, 1943 nach Auschwitz. Mit dem Näherrücken der russischen Truppen trieben die Nazis im Januar 1945 die völlig geschwächten Lagerinsassen in das 70 Kilometer entfernte KZ Gleiwitz – bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad Celsius. Tausende starben. Kalinski überlebte diesen „Todesmarsch“ und kam über weitere Stationen ins KZ Flossenbürg in der Oberpfalz. Kurz vor Kriegsende, gelang ihm die Flucht in einer leeren Munitionskiste. Er schaffte es bis in von den Alliierten kontrolliertes Gebiet. „47 Kilo bei einer Größe von 1,84“ dokumentierte der französische Stabsarzt, der ihn untersuchte. Mit 18 Jahren kehrte er in seine Heimat zurück. Von seinen Angehörigen hatte fast niemand überlebt. Der Name Klausner wurde „polonisiert“ und in Kalinski umgewandelt.

Trotz all des unermesslichen Grauens und Leids, das Kalinski erlebt hatte, blickte er nach vorn: 1947 legte er die Abiturprüfung in Krakau ab und nahm dort das Studium der Humanmedizin auf. Nach dem Examen arbeitete er unter anderem als Krankenhaus- und Werksarzt in Kattowitz. Da Kalinski mit dem kommunistischen System in Polen immer wieder in Konflikt geriet, floh er 1963 in den Westen, zunächst nach Wien. 1965 kam er nach Deutschland. Als Assistenzarzt arbeitete er in Rheydt, Nordrhein-Westfalen, dann im Krankenhaus in Höchst, Frankfurt am Main. 1968 wurde er zum Dr. med. promoviert und eingebürgert. Er ließ sich als praktischer Arzt in Frankfurt/M. nieder und fand hier eine neue Heimat.

Nachdem er die Facharztanerkennung und 1977 die Weiterbildungsermächtigung für Allgemeinmedizin erhalten hatte, bildete er mehr als 50 Ärzte aus und wurde 1984 Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der Universität in Frankfurt am Main. Im März 1996, mit fast 69 Jahren, gab er die Praxis an eine Nachfolgerin ab.

Aus der ärztlichen Standespolitik ist er nicht wegzudenken. Seit 1980 ist er Mitglied der Delegiertenversammlung der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen. 1996 wurde er Mitglied des Präsidiums dieser Kammer und ist es bis heute. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen war er von 1981 bis 1996 Mitglied des Geschäftsausschusses in Frankfurt am Main. Er repräsentierte viele Jahre lang die KV Hessen bei der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Seine berufspolitische Heimat ist in erster Linie der Hausärzteverband.

Kalinski ist ein kritischer Mensch, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Seit nunmehr 20 Jahren bringt er unter dem Pseudonym „Ironius“ mit der Kolumne „Und so seh ich es“ die Leser der „Ärztezeitung“ zum Schmunzeln und Nachdenken. Er ist ebenfalls als Autor für das „Hessische Ärzteblatt“ und andere Fachzeitschriften tätig. Besondere Verdienste hat er sich außerdem um die deutsch-polnische Verständigung erworben. So initiierte er beispielsweise Anfang der Neunzigerjahre Sammelaktionen für Polen. Darüber hinaus hat er sich in besonderer Weise für die Versöhnung von Juden und Deutschen eingesetzt. Er ist Mitglied im Rat der Überlebenden des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt am Main, einem Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust.

Anschrift:
Aßmannshäuser Weg 14
60529 Frankurt am Main
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige