ArchivDeutsches Ärzteblatt21/2008Neustrukturierung des Praktischen Jahres: Zufriedene Studierende in Ulm

STATUS

Neustrukturierung des Praktischen Jahres: Zufriedene Studierende in Ulm

Dtsch Arztebl 2008; 105(21): A-1153 / B-993 / C-973

Boehm, Bernhard O.; Liebhardt, Hubert; Fegert, Jörg M.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Um Fehlentwicklungen in der akademischen Medizin entgegenzuwirken, wurde an der Universität Ulm schrittweise eine Neustrukturierung im Ablauf des praktischen Jahres umgesetzt.

Foto: Universität Ulm
Foto: Universität Ulm
Die Approbationsordnung definiert die Aufgaben im praktischen Jahr (PJ) als die Ausbildungsphase, in der „die Studierenden die während des vorhergehenden Studiums erworbenen ärztlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten vertiefen und erweitern. Zu diesem Zweck sollen sie entsprechend ihrem Ausbildungsstand unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes ihnen zugewiesene ärztliche Verrichtungen durchführen“. Die Realität im PJ scheint dem geforderten Aufgabenpaket oft zu widersprechen. Die Studierenden beklagen vielfach, dass die Ausbildung nicht ausreichend strukturiert erfolgt und dass an der täglichen Ausbildung unmittelbar beteiligte Ärzte nicht genug Zeit für sie hätten. Ferner wird bemängelt, dass überwiegend Routineaufgaben erledigt werden müssten und insbesondere der Schritt zur eigenverantwortlichen Patientenbetreuung unter entsprechender Supervision nur in Ausnahmefällen gelingt.

Um Fehlentwicklungen in der akademischen Medizin entgegenzuwirken und die klinische Lehre im akademischen Umfeld zu verbessern, wurde an der Universität Ulm seit 2006 schrittweise eine Neustrukturierung im PJ-Ablauf vorgenommen.

Neben einer ausführlichen interdisziplinären Einführung zu Beginn des praktischen Jahres wurden verpflichtend PJ-Campustage eingeführt. Die Qualität der PJ-Ausbildung an allen akademischen Lehrkrankenhäusern soll regelmäßig mit der universitären Lehre abgestimmt werden, um die Ausbildung hinsichtlich der nach dem praktischen Jahr stattfindenden Staatsprüfungen auszurichten. An den Campustagen werden in Form einer Hörsaalveranstaltung die aktuellen Probleme diskutiert und nach Lösungen gesucht. Dieses unmittelbare Feedback ermöglicht es, die Ausbildungsqualität an den verschiedenen Standorten zu vergleichen und voneinander zu lernen. Des Weiteren werden an den Campustagen inhaltliche Schwerpunkte gesetzt, wie etwa Trainings zur Kommunikation mit Patienten.

Seit 2006 erfolgte eine schrittweise Einführung von PJ-Logbüchern. In einer ersten Phase wurden Logbücher für Innere Medizin und Chirurgie eingeführt, gefolgt von allen Wahlfächern. Die PJ-Logbücher werden zum Beginn des PJ an die Studierenden ausgegeben und dienen während der PJ-Phase zur Orientierung und Dokumentation klinischer Aktivitäten. Dabei ist das Logbuch arbeitsteilig in seiner Verwendung. Sowohl die Studierenden als auch die betreuenden Ärzte erfassen unterstützend den Zuwachs eines adäquaten Lernfortschritts (siehe Kasten). Eine Evaluation der Logbucheinträge erfolgt durch das Studiendekanat, wobei die Studierenden das Log-buch nach der Auswertung wieder zurückerhalten. Die Auswertung der Logbücher dient nicht zur Benotung oder Bewertung der individuellen Leistungen im jeweiligen PJ-Tertial, sondern der Qualitätssicherung in der Ausbildung.

Die Auswertung von 70 Logbüchern im Jahr 2007 in den Fächern Innere Medizin und Chirurgie ergab, dass sich die Studierenden selbst tendenziell eher schlechter einschätzten, als ihnen die Ärzte bescheinigten beziehungsweise als die im Logbuch skizzierten Erwartungshorizonte vorgaben. Anfänglich wurde das erreichte Niveau der jeweiligen Lernziele nach Einschätzung der Studierenden mehrheitlich unterhalb des vorgesehenen Levels, welches die Minimalforderungen an die fachliche Kompetenz darstellt, gesehen.

Das Logbuch ermöglicht ein rasches Erkennen von Defiziten in der Ausbildung und bietet damit auch die Option zu einem zeitnahen Eingreifen durch den verantwortlichen leitenden Arzt, die zuständige Studienkommission oder den PJ-Beauftragten. So wurden Defizite in der Beurteilung der unterschiedlichen diagnostischen Verfahren deutlich, wie bei der Interpretation von Röntgenthoraxbefunden, Beurteilung komplexer Laborbefunde, ferner bei der Erstellung von Erstbehandlungsplänen in den konservativen Fächern, oder auch eine mangelnde Kompetenz in der Erstversorgung von Knochenfrakturen und Durchführung einer parenteralen Ernährung gesehen. Als weiterer Komplex mit der Notwendigkeit zur raschen Verbesserung zeigte sich die Kommunikationsstruktur zwischen den verschiedenen ärztlichen Fachgruppen, vor allem bei der Erstellung von Konsiliaranforderungen oder auch beim Umgang mit „schwierigen Patienten“. Diese als defizitär in der praktischen Ausbildung erkannten Teilaspekte wurden gezielt als neue Themen in die interdisziplinäre Seminarreihe aufgenommen oder auch an den Campustagen behandelt.

Die Zwischen- und Abschlussgespräche zum PJ-Ablauf führen die PJler mit den Ärzten in Leitungsverantwortung. Sie dienen dazu, den Stand der Ausbildung im unmittelbaren Kontakt mit den Verantwortlichen zu erörtern und Probleme oder von den Studierenden entwickelte Lösungsvorschläge zu diskutieren. Sie können auch vonseiten der Studierenden dazu benutzt werden, ihr Interesse an einer künftigen Beschäftigung zu artikulieren und somit die Leitungsverantwortlichen für eine realistische Karriereplanung in Anspruch zu nehmen.

Durch die Neustrukturierung im PJ-Ablauf verbesserte sich bereits nach einem Jahr die Zufriedenheit mit dem PJ-Ablauf unter den Studierenden. Positiv fiel vor allem die im Rahmen eines besser geplanten Ausbildungsablaufs erlangte klinische Kompetenz zum eigenständigen ärztlichen Handeln auf. Hier sahen vor Beginn der Neustrukturierung die Studierenden das größte Defizit.

Die Einführung der PJ-Logbücher hat sich schon nach kurzer Zeit für die Medizinische Fakultät bewährt. Mit den PJ-Logbüchern steht für die Studierenden ein ständiger Begleiter zur Verfügung, der die Inhalte der praktischen Ausbildung für Studierende und Lehrende gleichermaßen gut sichtbar dokumentiert und dabei eine rasche Kontrolle des Lernfortschritts ermöglicht. Gleichwohl ersetzt ein Logbuchkonzept nicht das unmittelbare Engagement in und für die Aus- und Weiterbildung, die als eine Einheit bestehend aus praktischem Jahr und auch Facharztweiterbildung zu sehen sind. Somit bleibt die Grundvoraussetzung für den Erfolg im Studium ein großes persönliches Engagement aller Beteiligten mit der notwendigen Empathie zum Lernen und Lehren, oder wie es William Osler einst für die akademische Medizin formulierte: „An academical system without the personal influence of teachers upon pupils, is an Arctic winter.“

Prof. Dr. Bernhard O. Boehm, Hubert Liebhardt, Prof. Dr. Jörg M. Fegert
E-Mail: bernhard.boehm@uniklinik-ulm.de


Das PJ-Logbuch

Wozu dient das Logbuch?
– Dokumentation/Kontrolle des Lernfortschritts nach Lernzielkatalog
– definierter und strukturierter Ablauf des Tertials

Was macht der Studierende?
– Abgleich des aktuellen mit dem erwarteten Kompetenzstand
– eigenverantwortliche Optimierung der eigenen Kompetenz (gegebenenfalls Einforderung entsprechender Ausbildungsangebote)

Was macht der Stationsarzt/klinische Oberarzt?
– Überwachung, Unterstützung und Bestätigung eines adäquaten Lernfortschritts der Studierenden
– Supervision selbstständig durchgeführter Visiten
– Durchführung von Probeexamina, mündlicher Teil der M2-Prüfung

Verantwortlichkeit des leitenden Arztes/Chefarztes?
– Durchführung und Dokumentation einer Mittel- und Abschlussbesprechung
– Durchführung von Probeexamina, mündlicher Teil der M2-Prüfung
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.