ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2008Weiterbildung: „Föderalismus heißt nicht, dass jeder macht, was er will“

DEUTSCHER ÄRZTETAG

Weiterbildung: „Föderalismus heißt nicht, dass jeder macht, was er will“

Dtsch Arztebl 2008; 105(22): A-1182

Korzilius, Heike

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H. Hellmut Koch: Die ärztliche Weiter­bildungs­ordnung eignet sich nicht als Spielwiese für Einzelinteressen.
H. Hellmut Koch: Die ärztliche Weiter­bildungs­ordnung eignet sich nicht als Spielwiese für Einzelinteressen.
Der 111. Deutsche Ärztetag hat sich für eine bundesweit einheitliche Umsetzung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung ausgesprochen und ein Konzept zur Förderung der hausärztlichen Weiterbildung verabschiedet.

Der sachliche Ton tat der deutlichen Kritik keinen Abbruch. Dr. med. H. Hellmut Koch konnte zum Stand der Umsetzung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung in den einzelnen Lan­des­ärz­te­kam­mern nur einen Teilerfolg vermelden. Der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) und zugleich Präsident der Bayerischen Lan­des­ärz­te­kam­mer berichtete den Delegierten zwar, dass inzwischen 16 der 17 Kammern den „Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin“ eingeführt haben. In 15 – ab Juni in 16 – Lan­des­ärz­te­kam­mern kann der ärztliche Nachwuchs darüber hinaus wieder den Titel „Facharzt für Innere Medizin“ führen. Die Kammern folgen damit einem Beschluss des Deutschen Ärztetages aus dem vergangenen Jahr in Münster. Dieser hatte aufgrund von EU-rechtlichen Vorgaben Beschlüsse aus dem Jahr 2002 revidiert, die vorsahen, dass es künftig neben dem „Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin“ nur noch den Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt geben sollte. Die EU-Kommission hatte kritisiert, dass die Weiterbildungsnovelle von 2002 in den Lan­des­ärz­te­kam­mern nicht einheitlich umgesetzt worden sei.

Jetzt steht die ärztliche Selbstverwaltung vor einem ähnlichen Dilemma. Im November 2007 teilte die Ärztekammer Berlin mit, dass sie abweichend von den Beschlüssen der Ärztetage in Rostock und Köln in den Jahren 2002 und 2003 den Facharzt für Allgemeinmedizin wieder einführte. Das gemeinsame Gebiet „Innere und Allgemeinmedizin“ gebe es damit nicht mehr, hieß es. Nur wenig später beschloss die Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg, entgegen vorheriger Ärztetagsbeschlüsse, den Allgemein-Internisten nicht wiedereinzuführen. Koch zufolge haben die Aufsichtsbehörden der Länder die abweichenden Entscheidungen inzwischen genehmigt. „Es bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig“, sagte der Weiterbildungsexperte dem Deutschen Ärzteblatt am Rande des Ärztetages in Ulm. „Die Beschlüsse sind rechtens zustande gekommen, sie sind EU-kompatibel, sie passen nur nicht zum Rest der Republik.“ Das Problem der Berliner Entscheidung sei, dass sie die Notifikation des neuen Titels „Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin“ für die Hausärztinnen und Hausärzte in Deutschland in Brüssel verhindere. Eine solche Listung ist nur möglich, wenn der Titel bundesweit einheitlich gilt. „Das führt dazu, dass viele Kolleginnen und Kollegen, die eine gezielte Prüfung zu diesem Facharzt gemacht haben, den neuen Titel nach wie vor nicht führen dürfen“, kritisierte Koch. Sie firmieren unverändert als Fachärzte für Allgemeinmedizin, der auf EU-Ebene gelisteten Bezeichnung. Unklar ist Koch zufolge noch, ob die unterschiedlichen hausärztlichen Weiterbildungsgänge in Berlin und dem Rest des Landes juristische Konsequenzen nach sich ziehen. „Brüssel spricht davon, dass es nur eine spezifische Ausbildung in der Allgemeinmedizin gibt. Wir haben aber jetzt zwei“, gab der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien zu bedenken.

Probleme bereitet auch der fehlende „Facharzt für Innere Medizin“ in Baden-Württemberg. Bleibt die dortige Lan­des­ärz­te­kam­mer bei ihrer Entscheidung, wird dieser Titel langfristig in Deutschland nicht mehr führbar sein. Koch setzt seine Hoffnungen auf Überzeugungsarbeit und die bislang noch abwartende Haltung der Politik. „Die Übergangsbestimmungen in Baden-Württemberg ermöglichen es, den Titel ,Facharzt für Innere Medizin‘ noch bis zum Jahr 2014 zu vergeben. Das Problem drängt also nicht.“ Das ändere aber nichts an dem grundlegenden Problem, dass „wir das, was die Mehrheit will, nicht umsetzen können“.

Ungewöhnlich deutlich kritisierte Koch vor den Delegierten in Ulm, dass offenbar viele Sinn und Zweck der ärztlichen Weiter­bildungs­ordnung vergessen hätten. Es gehe darum, eine einheitliche Bildungsordnung für den ärztlichen Nachwuchs zu schaffen, die eine transparente Struktur und klar definierte Begriffe aufweise. Das diene vor allem der Qualitätssicherung ärztlicher Arbeit und der optimalen Versorgung der Patientinnen und Patienten. Die ärztliche Weiter­bildungs­ordnung eigne sich nicht als Spielwiese für Einzelinteressen, als Austragungsort für Machtspiele oder für die Erfüllung von Lebensträumen, erklärte Koch. Das frustriere letztlich die jungen Ärztinnen und Ärzte, die wissen müssten, was sie erwarte. „Föderalismus wird von vielen falsch verstanden“, kritisierte der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien. „Föderalismus heißt eben nicht, dass jeder macht, was er will.“

Cornelia Goesmann: Wir brauchen eine strukturierte Weiterbildung, die geplant durchlaufen werden kann.
Cornelia Goesmann: Wir brauchen eine strukturierte Weiterbildung, die geplant durchlaufen werden kann.
Hausarzt: Werben für einen tollen Beruf
Um zu gewährleisten, dass wichtige Entscheidungen einheitlich umgesetzt werden, hat der Ärztetag in Ulm einem sogenannten zweistufigen Normsetzungsverfahren zugestimmt. Danach soll ein Problem künftig zunächst in den Fachgremien der BÄK diskutiert werden. Dort gefasste Beschlüsse werden an den BÄK-Vorstand und von dort aus zur weiteren Beratung in die zuständigen Gremien und die Vorstände der Lan­des­ärz­te­kam­mern überwiesen. Etwaige Änderungsvorschläge gehen von der Landes- an die Bundesebenen zurück. Erst wenn auf diesem Weg eine Einigung erzielt werden könne, werde dem Deutschen Ärztetag eine entsprechende Beschlussvorlage präsentiert, erläuterte Koch. Die BÄK wolle mit diesem Verfahren nicht das Ende der Debattenkultur einläuten, betonte der Weiterbildungsexperte. „Aber alle wissen dann, wo das gemeinsame Ziel liegt.“ Koch ist es wichtig, dass die ärztliche Selbstverwaltung auch weiterhin Handlungsfähigkeit beweist. Sonst werde sich die Politik der Sache annehmen und die Weiterbildung für Deutschland zentral regeln.

Einigkeit herrschte bei den Delegierten des 111. Deutschen Ärztetages in Ulm darüber, dass sich die Weiterbildungssituation für künftige Hausärztinnen und Hausärzte verbessern muss. Die Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Cornelia Goesmann, stellte am letzten Sitzungstag ein entsprechendes Handlungskonzept vor. Erarbeitet hatte es unter ihrem Vorsitz eine Arbeitsgruppe, der Vertreter der BÄK, der Lan­des­ärz­te­kam­mern, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und des Deutschen Hausärzteverbandes angehörten. Das Gremium erfüllte damit einen Auftrag des Ärztetages aus dem vergangenen Jahr.

Dem Konzept zufolge scheiden in den nächsten zehn Jahren aus Altersgründen bundesweit circa 42 Prozent der derzeit tätigen Hausärzte aus dem Berufsleben aus. In den neuen Bundesländern sind es sogar bis zu 50 Prozent. Um die Zahl der Fachärzte für Innere und Allgemeinmedizin zu steigern, müsse schon bei den Studierenden für den Beruf des Hausarztes geworben werden, hieß es in dem Entschlussantrag, der den Delegierten des Ärztetages zur Abstimmung vorlag. Auch die Weiterbildungsbedingungen in der Allgemeinmedizin müssten sich verbessern. Zurzeit sei es noch so, dass die notwendigen Wechsel der Fächer meist einen Wechsel der Arbeitsstätte erforderten, oft sogar einen Umzug. Außerdem habe der Wechsel vom stationären in den ambulanten Weiterbildungsabschnitt häufig deutliche finanzielle Einbußen zur Folge, kritisierte die Arbeitsgruppe. Deshalb müssten die Weiterbildung durch ein vorab festgelegtes Curriculum strukturiert und die Arbeitsbedingungen durch Weiterbildungsverbünde erleichtert werden. Außerdem müssten die Weiterbildungsassistenten auch im ambulanten Bereich tarifgerecht vergütet werden. „Wir brauchen eine strukturierte Weiterbildung, die geplant durchlaufen werden kann“, betonte Goesmann. Überdies sei eine Gesetzesänderung erforderlich, um die finanzielle Förderung allgemeinmedizinischer Weiterbildungsstellen künftig zentral auf Landesebene zu steuern. Dadurch könne man die Abschottung zwischen den Förderregionen sowie zwischen ambulantem und stationärem Bereich überwinden.

„Die jungen Ärztinnen und Ärzte wenden sich immer mehr von Deutschland ab“, bilanzierte Weiterbildungsexperte Koch. „Und zwar nicht nur wegen der Arbeitsbedingungen und des Geldes, sondern auch wegen der Weiterbildung.“ Einheitliche Rahmenbedingungen und klare Strukturen hält er deshalb für unabdingbar. Was den fehlenden hausärztlichen Nachwuchs betrifft, steht für Koch fest: „Wir müssen aufhören zu jammern und bereits den Studierenden vermitteln, was für ein toller Beruf das ist.“
Heike Korzilius
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