ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2008Bioethik: Konflikt zwischen Individuum und Staat

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Bioethik: Konflikt zwischen Individuum und Staat

Dtsch Arztebl 2008; 105(22): A-1239 / B-1075 / C-1055

Siegmund-Schultze, Nicola

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Christian Steineck, Ole Döring (Hrsg.): Kultur und Bioethik. Eigentum am eigenen Körper.Nomos, Baden
Christian Steineck, Ole Döring (Hrsg.): Kultur und Bioethik. Eigentum am eigenen Körper.Nomos, Baden
Menschliche Organe, Gewebe und Zellen gehören zu den begehrtesten biologischen Ressourcen, und sie sind knapp. Wie sehr der Zugang zu diesen Ressourcen politisch umkämpft und gesellschaftlich umstritten ist, hat nicht zuletzt die Debatte um die Verschiebung des Stichtags zur Verwendung von embryonalen Stammzelllinien, wie sie der Deutsche Bundestag im April dieses Jahres beschlossen hat, gezeigt.

Das Thema „Eigentum am eigenen Körper“ des Bandes mit Aufsätzen aus der Reihe „Kultur und Bioethik“ ist damit hoch aktuell. Den Herausgebern Christian Steineck und Ole Döring ist insofern ein großer Wurf gelungen, als sie das Thema „Eigentums- und Verfügungsrechte am menschlichen Körper“ nicht nur als Diskussion vor dem soziokulturellen Hintergrund Europas konzipiert haben, sondern auch dem des Mittleren Ostens und Ostasiens. Dort gibt es ein hohes Potenzial für biomedizinische Forschung und Entwicklung – trotz der Rückschläge durch den Fälschungsskandal um den südkoreanischen Wissenschaftler Dr. Hwang Woo-Suk, auf den im Buch eingegangen wird. Hwang hatte 2004 in einer hochrangigen Publikation behauptet, erstmals humane embryonale Stammzellen durch Kerntransfer hergestellt zu haben (therapeutisches Klonen).

Gleichwohl belegen die bioethischen Debatten und rechtlichen Regelungen in China, Japan und Korea, die im Buch diskutiert werden, dass diese Länder nicht die „biopolitischen Schurkenstaaten“ sind, als die sie in westlichen Nationen häufig gelten. Eine globale und zentrale Frage, die das Buch wie ein roter Faden durchzieht, lautet: Ist die absolute Autonomie des Individuums darüber, was mit dem eigenen Körper geschehen soll, notwendige Voraussetzung für einen guten Umgang mit Körpermaterialien? Traditionell wird in asiatischen Ländern bei Fragen der Verfügung über den Körper der Wille der Familie, besonders der Eltern, stärker berücksichtigt als in westlich geprägten Kulturen. Auch staatliche Interessen, zum Beispiel, dass sich das Land als Kapazität auf dem Gebiet der Biomedizin international behaupten will, haben höheres Gewicht. In Asien setzen sich vor allem Frauen dafür ein, dass die Verfügungsmacht über den eigenen Körper gestärkt wird.

Andererseits könnte eine vollständige Autonomie des Individuums unerwünschte Formen des Handeltreibens stärken; dieses Potenzial gibt es, wie etliche Beispiele der Vergangenheit zeigen, auch in Europa. Die Interessen- und Wertekonflikte zwischen Individuum und Staat im Umgang mit dem „Rohstoff Körper“ lassen sich nicht lösen, sie lassen sich nur regulieren. Die Autoren diskutieren die Möglichkeiten: das Recht als eine zwar wesentliche, aber nicht die einzige Möglichkeit. Dabei müsste die informierte Zustimmung auf den speziellen Zweck und die Art des gespendeten Gewebes abgestimmt sein. Weitere Optionen für den Umgang sind die Teilhabe des Gewebe- oder Zellspenders an Gewinnen und eine stärkere Einbindung der Bevölkerung in forschungs- und gesundheitspolitische Entscheidungen.

Das insgesamt sehr lesenswerte Buch hat einen Schönheitsfehler: Die zehn Autoren werden nur mit Vor- und Nachnamen genannt, kein Arbeitsgebiet, keine Institution – mehr als nachlässig. Nicola Siegmund-Schultze
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