ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2008Grossbritannien: Mit privatem Geld aus der Krise

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Grossbritannien: Mit privatem Geld aus der Krise

Dtsch Arztebl 2008; 105(22): A-1249 / B-1085 / C-1061

Thomsen, Christian; Smith, Kevin

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Foto: Fotolia [M]
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Unabhängige Behandlungszentren sind der jüngste Versuch, die Wartelisten für elektive Eingriffe im Nationalen Gesundheitsdienst abzubauen.

Der National Health Service (NHS) wird in diesem Jahr 60 Jahre alt. Bis heute stehen alle Parlamentsparteien zu dieser Einrichtung. Keine politische Partei will das staatliche Gesundheitssystem, das aus allgemeinen Steuern finanziert wird, grundlegend verändern. Schon immer gab es einen kleinen privaten Sektor innerhalb des NHS und neben ihm. Nicht zuletzt sind fast alle praktischen Ärzte (General Practitioners, GPs) Vertragspartner des NHS und nicht Angestellte, das heißt, die hausärztliche Versorgung liegt in privater Hand. In der Regel betreiben mehrere GPs partnerschaftlich eine Hausarztpraxis. Das Gebäude ist Eigentum der Praxisgemeinschaft, die auch das Praxispersonal einstellt. Die Finanzierung bemisst sich nach der Zahl der registrierten Patienten.

Die Planwirtschaft im NHS brachte über die Jahre ein Problem mit sich: außerordentlich lange Wartelisten für elektive Diagnostik und Therapie. Trotz mancher organisatorischer Veränderung und der Einführung eines „Internal Market“ im Jahr 1989 gelang es weder der Regierung von Margaret Thatcher noch der ihres Nachfolgers John Major, das Problem der Wartelisten zu lösen.

Die „New Labour“-Regierung von Tony Blair nahm sich direkt nach Amtsantritt der Probleme des NHS an. In einer ersten Reformwelle wurden die freien Kapazitäten des privaten Sektors genutzt. Außerdem wurde der private Sektor ausgebaut, jetzt unter dem Namen „Independent Sector“. Mit privatem Kapital wurden neue, kleine Krankenhäuser und Einrichtungen geschaffen (Independent Sector Treatment Centres, ISTCs). Diese erhöhten vorwiegend im Bereich der elektiven Chirurgie innerhalb kurzer Zeit die Kapazitäten und Leistungen des NHS. Die ISTCs arbeiteten ausschließlich für den staatlichen Gesundheitsdienst, der die Einrichtungen meist für fünf Jahre fest unter Vertrag genommen hatte.

Die Dynamik dieser Entwicklung lässt sich am Beispiel des Barlborough NHS Treatment Centre verdeutlichen. Die Einrichtung in der Nähe von Sheffield wurde im Dezember 2002 im Official Journal for the European Communities ausgeschrieben. Im April 2003 erhielt ein britisch-südafrikanischer Investor den Zuschlag. Nun musste ein Gelände für den Neubau gefunden werden, Bau und Betrieb des Krankenhauses mussten geplant und Personal im Ausland rekrutiert werden.

Um schneller Abhilfe zu schaffen, wurde bis zur Fertigstellung des Krankenhauses eine Interimslösung gefunden. In zwei unausgelasteten Krankenhäusern wurden Räume gemietet und OP-Säle mit laminarem Airflow ausgerüstet. Im März 2004 schloss die britisch-südafrikanische Betreibergesellschaft Verträge mit 28 Primary Care Trusts, sechs Wochen später wurde die erste Hüftendoprothese eingesetzt. Die Primary Care Trusts, von denen es in England circa 150 gibt, fungieren als örtliche Gesundheitsbehörden und Krankenkassen in einem. Sie kaufen Gesundheitsleistungen bei verschiedenen Krankenhausträgern ein, verhandeln Preise und überweisen ihre Patienten. Die Primary Care Trusts verteilen das vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium zur Verfügung gestellte Geld auf landesweit 270 NHS-Trusts, NHS-Krankenhausträger und auf die neuen, vertraglich angebundenen ISTCs. Der übrige Independent Sector finanziert sich über Privatpatienten oder Stiftungen.

Seit 2005 werden in den drei Operationssälen des Barlborough Treatment Centre jährlich rund 2 000 Operationen für Hüft- und Knieendoprothesen vorgenommen. Die durchschnittliche Verweildauer in dem 40-Betten-Haus liegt bei vier Tagen. Außerdem werden jährlich circa 2 000 ambulante Eingriffe in der Hand- und Fußchirurgie sowie der Kniearthroskopie durchgeführt. Es wird weder nach Alter noch nach Schweregrad der Erkrankung selektiert. Jeder, der eine operative Indikation mitbringt und ein vertretbares Risiko für Anästhesie und Chirurgie aufweist, erhält seine Hüft- oder Knieendoprothese. Ambulante Nachkontrollen finden nach sechs Wochen und nach einem Jahr statt.

Zurzeit arbeiten in England im Bereich elektiver Diagnostik und Therapie 28 ISTCs. In einigen Regionen haben sich die Wartelisten drastisch reduziert. Die Zielvereinbarungen für Wartezeiten, die das Ge­sund­heits­mi­nis­terium vorgibt, werden seit 2005 nicht mehr an die Zahl der Wartenden gekoppelt, sondern an die echte Wartezeit von der Hausarztüberweisung zum Chirurgen bis zum Datum der Operation. Die Zielvorgabe lautet, dass die Wartezeit für elektive Eingriffe nicht länger als 18 Wochen dauern darf. Andernfalls drohen finanzielle Sanktionen. Bei drohender Zeitüberschreitung ziehen die Krankenhäuser es deshalb vor, Patienten dorthin zu überweisen, wo Kapazitäten frei sind, selbst wenn das höhere Kosten verursacht. Im Barlborough Treatment Centre warten die Patienten sechs bis acht Wochen auf einen orthopädischen Eingriff. Vor wenigen Jahren noch lag die Wartezeit für elektive Chirurgie in NHS-Krankenhäusern bei zwölf Monaten, oftmals auch darüber.

Mit den Primary Care Trusts ist vertraglich vereinbart, dass die ISTCs jährlich eine bestimmte Zahl von Patienten behandeln. Sie teilen den Zentren auch die Patienten zu. Künftig sollen diese jedoch das Recht erhalten, in einem Krankenhaus ihrer Wahl operiert zu werden.

Wenn die „Pionier-Verträge“ zwischen Primary Care Trusts und ISTCs im Jahr 2010 auslaufen, werden die Zentren sich dem freien Wettbewerb stellen müssen und nur noch so viele Patienten operieren, wie freiwillig zu ihnen kommen oder von den GPs überwiesen werden. Nur die ISTCs mit einem guten Ruf werden dann überleben.
Dr. med. Christian Thomsen
Dr. Kevin Smith
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