ArchivDeutsches Ärzteblatt22/2008Entschliessungen zum Tagesordnungspunkt II: Situation pflegebedürftiger Menschen in Deutschland am Beispiel Demenz

DOKUMENTATION: Deutscher Ärztetag

Entschliessungen zum Tagesordnungspunkt II: Situation pflegebedürftiger Menschen in Deutschland am Beispiel Demenz

Dtsch Arztebl 2008; 105(22): A-1200 / B-1037 / C-1017

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LNSLNS Verbesserung der Versorgung Demenzerkrankter
Seit Jahrzehnten steigt die durchschnittliche Lebenszeit kontinuierlich an, die Zahl alter und hochbetagter Menschen in unserer Gesellschaft wächst ständig.

Gleichzeitig gewinnt in einer „Gesellschaft des langen Lebens“ die Behandlung und Pflege älterer und alter Patienten, die häufig multimorbide, chronisch krank und teilweise oder komplett pflegebedürftig sind, zunehmend an Bedeutung. Dies stellt für jeden Einzelnen von uns und für die Gesellschaft neue Herausforderungen dar.

Ein Hauptgrund für den steigenden Versorgungs- und Pflegebedarf, mit dem auch steigende Gesundheitskosten für die Phase des Alterns einhergehen, sind heute die Demenzerkrankungen.

Laut Statistischem Bundesamt sind heute vier Millionen Bundesbürger über 80 Jahre; für das Jahr 2050 rechnet man mit zehn Millionen über 80-Jähriger. Die Demenzrate steigt mit zunehmendem Alter exponentiell an: Von den 75- bis 78-Jährigen sind knapp zwölf Prozent, von den 80- bis 90-Jährigen knapp 25 Prozent und von den über 90-Jährigen fast 50 Prozent von einer Demenz betroffen. Schätzungsweise leiden 1,3 Millionen Personen in Deutschland an einer demenziellen Erkrankung. 733 000 davon sind Leistungsbezieher der Pflegeversicherung (408 000 ambulant, 325 000 in stationären Einrichtungen). Demenz ist mit Abstand der wichtigste Grund für eine Heimaufnahme, bis zu 80 Prozent aller Demenzkranken kommen im Verlauf ihrer Erkrankung in ein Pflegeheim. Derzeit kann man von einem Anteil Dementer von etwa 60 Prozent aller Heimbewohner ausgehen. Demenzen zählen zu den kostenträchtigsten Krankheitsgruppen des höheren Alters, was sowohl die pflegerische als auch die medizinische Versorgung angeht. So entfielen im Jahr 2002 5,6 Milliarden Euro der Gesamtgesundheitskosten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) auf die Krankheitsentität der Demenzen.
Da bis zum Jahre 2050 voraussichtlich zehn Millionen Bundesbürger mit 80 Jahren oder älter unter uns leben werden, müssen wir mit einer deutlich steigenden Anzahl Demenzerkrankter rechnen, wenn bis dahin nicht effektive Präventionsstrategien bzw. Therapieformen entwickelt werden können.
Angesichts dieses demografischen und sozialen Strukturwandels und der zu erwartenden Entwicklung im Bereich der Versorgungs- und Finanzierungssysteme für pflegebedürftige ältere Menschen in Deutschland steht unsere Gesellschaft vor neuen Herausforderungen. Um in Zukunft ältere, insbesondere pflegebedürftige Menschen angemessen unterstützen zu können, bedarf es neben den bereits bestehenden Versorgungssystemen alternativer Konzepte, der Förderung familiärer Hilfen, bürgerlichen Engagements, der Stärkung der aktiven Ressourcen der alternden Menschen, dem möglichst langen Erhalt ihrer Selbstbestimmung zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.
Die Delegierten des Deutschen Ärztetages begrüßen ausdrücklich, dass die Koalitionsvereinbarung der derzeitigen Regierungsparteien Prävention und Behandlung von demenziellen Erkrankungen zu einem sogenannten Leuchtturmprojekt erklärte. Wesentlich jedoch ist, dass es dabei nicht nur um die Förderung singulärer, zeitlich begrenzter Maßnahmen gehen kann, sondern dass daneben bereits bestehende sowie zukünftige erfolgreiche Modellprojekte und die aus ihnen gewonnenen Erkenntnisse in der Fläche nutzbar gemacht werden.
Die Delegierten des Deutschen Ärztetages fordern Politik und Gesellschaft nachdrücklich auf, unverzüglich in eine gesamtgesellschaftliche Debatte über die Realisierung von pflegerischen und medizinischen Strukturen und Behandlungskonzepten für eine angemessene und würdige Versorgung demenziell Erkrankter einzutreten.
Deshalb fordert der 111. Deutsche Ärztetag:
Stärkung der Prävention und der geriatrischen Rehabilitation
In Anbetracht der Veränderung der Altersstruktur und der gestiegenen Lebenserwartung sind Prävention und Gesund­heits­förder­ung für ältere Menschen von größter Bedeutung. Präventive Maßnahmen
(z. B. in Form der Sturzprophylaxe, Hypertoniebehandlung) können einen wesentlichen Beitrag zur Vermeidung, Verzögerung oder Minderung von Pflegebedürftigkeit leisten.
Um Pflegebedürftigkeit zu vermeiden bzw. hinauszuzögern, sollten bedarfsgerechte Strukturen ambulanter und stationärer geriatrischer Rehabilitation flächendeckend ausgebaut werden.
Individuelle Pflege bedarf der gestuften Intervention und Vernetzung
Neben den stationären Einrichtungen sind ambulante Pflege, teilstationäre Angebote und betreute Wohngruppen zu fördern und wohnortnah auszubauen. Um den Erhalt der Selbstbestimmung und der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, ist besonders der flächendeckende Ausbau alternativer Wohnkonzepte für Demenzkranke (wie z. B. kleinräumige, betreute Alten-WGs) zu fördern.
Eine Kooperation aller Akteure ist notwendig, um die bestmögliche Betreuung Demenzkranker zu gewährleisten. Dabei berät und stützt der Hausarzt als Koordinator im Versorgungsmanagement den Erkrankten und seine Familie und leitet entsprechende Maßnahmen ein.
Die Ärzteschaft hat hierfür entsprechende Struktur- und Qualifizierungskonzepte zur Einbeziehung von Medizinischen Fachangestellten in die Hausbesuchstätigkeit niedergelassener Ärztinnen und Ärzte entwickelt und neue Felder der Aufgabendelegation für medizinische Fachberufe beschrieben.
Im Rahmen der Aus-, Weiter- und Fortbildung aller Gesundheitsberufe müssen demenzielle Erkrankungen verstärkt Berücksichtigung finden. Hierzu zählen auch Hospitationen in der Geriatrie oder Gerontopsychiatrie bzw. Konsiliar- und Liaisondiensten mit Gerontopsychiatern und Gerontologen.
Gezielte Anreizsysteme sollen optimal ausgebildete Pflegekräfte gewinnen, die engagiert und nach modernen Konzepten die Pflege Dementer gewährleisten. Rehabilitationskonzepte sind nicht nur für pflegende Angehörige, sondern auch für langjährig in der Altenpflege Tätige auszubauen.
Die derzeitige Finanzierung stationärer Pflegeeinrichtungen ermöglicht nach Angaben aller Beteiligten nur ein „satt, still, sauber“. Daher ist die Aufstockung der Finanzmittel im Pflegebereich Grundbedingung für eine würdige und umfassende Versorgung im Alter.
Architektonische und pflegerische Gesamtkonzepte für Demenzkranke in stationären Pflegeeinrichtungen sind weiterzuentwickeln. Hierzu gehört insbesondere die Aufstockung der derzeitigen Personalbudgets in Pflegeheimen um 30 Prozent (finanziert aus Steuermitteln und Pflegeversicherung). Nur diese Größenordnung erlaubt eine adäquate Demenzversorgung mit Gruppenarbeit, Validation, aktivierender und bestärkender Pflege sowie darüber hinausgehenden Angeboten (z. B. Musik- und Tanztherapie).
Forschung und Entwicklung moderner therapeutischer Ansätze der Demenz (dies umfasst neben einer sinnvollen Pharmakotherapie psychologische, psychotherapeutische und verhaltenstherapeutische Konzepte) sind zu fördern.
Stützung familiärer Hilfe, Selbsthilfe und bürgerschaftliches Engagement
Eine gesamtgesellschaftliche Debatte ist endlich anzustoßen. Diese muss zur Entwicklung neuer gesellschaftlicher Konzepte der Nachbarschaftshilfe für die Betreuung von Kindern, kranken Mitbürgern, Alten und Dementen führen.
Die Fortentwicklung von Pflegekonzepten muss insbesondere die ansteigende Zahl alter und dementer Menschen mit Migrationshintergrund, vor allem alleinstehender Frauen, berücksichtigen.
Der Ausbau von Unterstützungsangeboten für betreuende Angehörige ist zu fördern. Immerhin werden in Deutschland derzeit etwa 25 bis 30 Prozent demenziell Erkrankter von Familienangehörigen versorgt. Diese laufen selbst Gefahr, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein, auszubrennen und zu erkranken. Für diese Betreuungspersonen gilt es, Entlastungs- und Rehabilitationsgebote zu entwickeln. Hierzu gehören z. B. die Organisation von Urlaubsvertretung/Nachtwachen/Tagesstätten zur Betreuung der Erkrankten. Vor allem aber muss die gesellschaftliche Debatte auf einen Abbau der Tabuisierung und eine Beendigung der Isolation von Demenzkranken und ihren Angehörigen hinzielen.
Für eine angemessene Versorgung Alter und Demenzkranker in deren häuslichem Umfeld durch Angehörige, ambulante Pflegedienste und angestellte Betreuungskräfte bedarf es dringend einer Änderung der Steuergesetze: Die Kosten für die Betreuung von Kindern, Kranken und alten Angehörigen in ihrer häuslichen Umgebung sollten zukünftig voll steuerlich absetzbar sein.
Gesundheitspolitik und deutsche Ärzteschaft sind aufgerufen, gemeinsam sowohl Finanzierung als auch Etablierung neuer Versorgungskonzepte für geriatrische Patienten intensiv zu diskutieren und möglichst bald zu realisieren. Sowohl bei der Versorgung von in ihrer häuslichen Umgebung lebenden Patientinnen und Patienten als auch insbesondere bei der Betreuung von Altenheimen müssen dringend neue Kooperationsformen zwischen Hausärzten/Fachärzten/ambulanten wie stationären Pflegekräften und anderen medizinischen Fachberufen entwickelt und adäquat finanziert werden. Als mögliche Vertragsformen kommen Projekte der integrierten Versorgung, Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung mit interessierten Krankenkassenverbänden sowie Kooperationsformen unter Nutzung von Netzerfahrungen infrage.
Zusammenfassend gilt es, die gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Problem Demenz zu erhöhen sowie die längst überfällige Aufwertung aller Tätigkeiten bei der Pflege unserer alten und dementen Mitbürger zu erreichen. Die Versorgung Schwerstkranker und Verwirrter bringt körperliche wie psychische Höchstbelastungen mit sich und verlangt nach hoher gesellschaftlicher Anerkennung!

Ärztliche Versorgung in stationären Pflegeeinrichtungen
Der Deutsche Ärztetag spricht sich dafür aus, im Rahmen der ärztlichen Versorgung in stationären Pflegeeinrichtungen Kooperationsvereinbarungen mit besonders qualifizierten Ärzten zu fördern.
Begründung:
Freiwillig vereinbarte Kooperationen von Vertragsärzten haben folgende Vorteile:
– Das hohe Gut der freien Arztwahl bleibt durch die Einbeziehung der derzeit behandelnden Vertragsärzte erhalten
– Verbesserung der Lebensqualität der Heimbewohner durch den Erhalt des überwiegend langjährigen Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient
– Sicherstellung einer im hohen Maß qualifizierten ärztlichen Rund-um-die-Uhr-Versorgung der Heimbewohner durch:
– eine Absprache zwischen den behandelnden Ärzten im Heim
– eine organisierte Rufbereitschaft zu sprechstundenfreien Zeiten
– gezielte Fortbildungen im Bereich Geriatrie
– Einbindung komplementärer Facharztgruppen in eine Kooperation: Nervenärzte, Neurologen, Psychiater sowie im Bedarfsfall Urologen, Dermatologen, Gynäkologen, Augenärzte und HNO-Ärzte.

Gesundheitsziel „Aktives Altern“
Der Ausschuss „Medizinische Orientierung im Gesundheitswesen/gesundheitsziele.de“ der Gesellschaft für Versicherungswissenschaft und -gestaltung e.V. (GVG) wird aufgefordert, „Aktives Altern“ als weiteres nationales Gesundheitsziel für Deutschland zu beschließen.

Begründung:
Die absolute Zahl der älteren Menschen und auch ihr Anteil an der Bevölkerung steigen in Deutschland stetig. Nach dem 75. Lebensjahr (Hochaltrigkeit) treten Krankheit und Multimorbidität, Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit, Angewiesensein auf Hilfe und Pflege, vermehrte Behandlungsbedürftigkeit sowie Isolierung und Vereinsamung in vermehrtem Maß auf.
Die derzeitige Unterstützungs-, Betreuungs- und Pflegesituation ist qualitativ und auch quantitativ überwiegend unbefriedigend. Unseren Senioren muss ein Altern in Gesundheit, Autonomie und Mitverantwortlichkeit – die Welt­gesund­heits­organi­sation hat dafür den Begriff „Aktives Altern“ geprägt – bis hin zu einem würdevollen Sterben ermöglicht werden. Diese dringendste Aufgabe – verschärft durch die soziodemografische Entwicklung der letzten Jahrzehnte und nicht erst in Zukunft relevant – beinhaltet die Bewältigung derart komplexer Probleme, sodass dies nur eine gesamtgesellschaftliche und interdisziplinäre Aufgabe sein kann.
Trotz des medizinischen Fortschritts kann Multimorbidität nicht verhindert werden, sondern wird mit zunehmender Lebenserwartung nur ins höhere Lebensalter verschoben. Die Anzahl multimorbider Hochbetagter wird deshalb stark ansteigen. Wie „Altern“ individuell verläuft, wird schon in den Jahrzehnten vor Eintritt dieser Lebensphase beeinflusst.
Ein gleichnamiges Projekt „Aktives Altern“ wurde bereits von der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer gemeinsam mit der Diakonie Sachsen und dem Sächsischen Staatsministerium für Soziales initiiert und in die „Gesundheitsziele Sachsen“ aufgenommen. Die Ärzteschaft, Politiker und Vertreter der karitativen Verbände sowie Wissenschaftler sind damit an einem Tisch vereint. Es werden erste Schritte zur Erforschung und Umsetzung des Bedarfs an Versorgungsstrukturen und der Etablierung multiprofessioneller Qualifizierung für die Arbeit mit alten Menschen gegangen. Das Projekt knüpft an der ganzheitlichen Erfassung der physischen, psychischen und sozialen Situation und den Bedürfnissen der Senioren an. Es sollen auch betreuende und pflegende Angehörige besser angeleitet und unterstützt werden, damit Senioren länger im familiären Umfeld leben können, wenn dies von beiden Seiten gewünscht wird.
Stärkung der Versorgungsforschung im Bereich Demenz
Die Bedeutung der pflegerischen Betreuung der Menschen mit Demenz und anderen altersbedingten körperlichen Erkrankungen nimmt immer weiter zu. Deshalb geht vom 111. Deutschen Ärztetag die Empfehlung an die sozialmedizinisch-epidemiologisch und sozialpsychiatrisch forschenden Institutionen aus, der Versorgungsforschung auf diesem Feld besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung sollte derartige Bemühungen materiell unterstützen.
Begründung:
Aufgrund der durch die moderne Medizin eingetretenen erfreulichen Zunahme der Lebenserwartung, aber damit auch der Erhöhung des Sorgebedarfs für diese Klientel, müssen Unternehmungen zu einer Fülle von sich daraus ergebenden Fragestellungen im pflegerischen, sozialkommunikativen, medizinisch-wirtschaftlichen und ethischen Bereich angestellt werden, die weit über die Möglichkeiten der Bearbeitung von Versorgungsforschungsfragen, die die Bundes­ärzte­kammer initiiert hat, hinausgehen.
Einzelne beispielhafte Fragestellungen sind der mündlichen Begründung vorbehalten.

Neue Versorgungskonzepte – ambulante wohnortnahe geriatrische Rehabilitation
Der Deutsche Ärztetag fordert Politik und Krankenkassen auf, endlich die im Gesetz garantierte Rehabilitation geriatrischer Patienten bundesweit sicherzustellen.
Geriatrische Patienten haben einen Anspruch auf Rehabilitation, der von den Kostenträgern weitgehend ignoriert wird.
Diese Patienten haben offensichtlich keine effektive Interessenvertretung, außer uns Ärzten.
Durch bundesweite wohnortnahe ambulante geriatrische Rehabilitationseinrichtungen nach dem Muster des von AOK und Bundesministerium für Gesundheit ausgezeichneten Projektes in Schönebeck/Sachsen-Anhalt kann dieses dringende Bedürfnis unserer Patienten erfüllt werden.
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