MEDIZIN: Referiert

Infektion und Psychose

Dtsch Arztebl 2008; 105(23): 412

Baethge, Christopher

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LNSLNS Toxoplasmose und virale Infektionen könnten zum Risiko beitragen, an Psychosen zu erkranken. Dies ist das Ergebnis zweier Studien aus Schweden und den USA, die das American Journal of Psychiatry veröffentlicht hat.

Die Frage, ob Infektionserkrankungen das Auftreten schizophrener Störungen verursachen, beschäftigt die Psychiatrie schon seit Jahrzehnten.

Da bei der Schizophrenie eine Entwicklungsstörung des Gehirns angenommen wird, erscheint eine Beteiligung neurotroper Erreger plausibel, etwa im Rahmen kindlicher Entzündungen.

Das schwedische Krankenhausregister nutzend hat daher eine Forschergruppe vom Karolinska-Institut in Stockholm untersucht, ob unter Patienten, die in ihrer Kindheit wegen Meningitiden und Enzephalitiden im Krankenhaus behandelt wurden, häufiger schizophrene und andere nicht affektive Psychosen auftraten als bei Personen ohne kindliche ZNS-Entzündungen. Tatsächlich bestand eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für die seelische Störung, soweit die Patienten als Kinder an Mumps- und Cytomegalievirus-Infektionen des Gehirns erkrankt waren (Risikoverhältnis: 2,7 [95-%-Konfidenzintervall: 1,2-6,1] und 16,6 [95-%-KI: 4,3-65,1]). Die Ergebnisse sind kontrolliert für andere Psychose-Risikofaktoren wie männliches Geschlecht, Alter, Familienbelastung und Aufwachsen in städtischer Umgebung. Bakterielle und andere virale Erkrankungen des Gehirns – genauso wie virale ZNS-Erkankungen insgesamt – waren nicht signifikant mit Psychosen assoziiert.

In der zweiten Studie – von den Autoren als Hypothesen generierend bezeichnet – haben David W. Niebuhr vom Walter Reed Hospital der amerikanischen Armee und seine Koautoren die Blutseren von 180 Soldaten, die während ihrer Armeezeit als schizophren diagnostiziert wurden, mit denen nicht erkrankter Soldaten verglichen. Dabei analysierten sie die routinemäßig von der amerikanischen Armee gewonnen Blutproben. Bei den schizophrenen Patienten fanden sie einen um 24 % höheren IgG-Titer für Toxoplasma gondii („hazard ratio“: 1,24; p < 0,01). Die Assoziation mit T. gondii blieb auch bestehen nach Kontrolle für andere Schizophrenie-Risikofaktoren wie Geschlecht, Alter, ethnische Zugehörigkeit oder neurotrope virale Erreger.

Diese Studien legen einen Einfluss von ZNS-Infektionen auf die Entwicklung von Schizophrenien nahe. Allerdings ist er vermutlich klein: Insgesamt hatten nur sieben Prozent aller schizophrenen Soldaten überhaupt IgG gegen T. gondii. Und: Solche Antikörper kann man bei 20 Prozent aller Amerikaner nachweisen, die übergroße Mehrheit dieser Gruppe entwickelt jedoch keine Psychose. Die Suche nach anderen Ursachen geht also weiter. bae

Dalman C, Allebeck P, Gunnell D et al.: Infections in the CNS during childhood and the risk of subsequent psychotic illness: a cohort study of more than one million Swedish subjects.
Am J Psychiatry 2008; 165: 59–65. E-Mail: christina.dalman@sll.se.
Niebuhr DW, Millikan AM, Cowan DN et al.: Selected infectious agents and risk of schizophrenia among US military personnel. Am J Psychiatry 2008; 165: 99–106. E-Mail: David.Niebuhr@us.army.mil

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