ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2008Nutzen und Risiko des Mammografie-Screenings: Alltagsrisiken falsch eingeschätzt

MEDIZIN: Diskussion

Nutzen und Risiko des Mammografie-Screenings: Alltagsrisiken falsch eingeschätzt

Benefit and Risk of Mammography Screening – Considerations from an Epidemiological Viewpoint: Inaccurate Estimation of Everyday Risks

Dtsch Arztebl 2008; 105(23): 419; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0419a

Beise, Reinhard

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LNSLNS Bedingte Wahrscheinlichkeiten versus absolute Häufigkeiten: Worum geht es wirklich?

Aus der psychologischen Forschung wissen wir, dass die Art der Darstellung von Sachverhalten Denken und Handeln der Betroffenen bestimmt. Sachverhalte werden, je nachdem, ob als potenzieller Gewinn oder als möglicher Verlust ausgedrückt, von den Menschen unterschiedlich bewertet. Und das ist der Kern der Diskussion: Wer die Kontrolle über die Darstellung der Studienergebnisse hat, schafft die entscheidende Voraussetzung über die Akzeptanz des Screeningprogramms.

Die Autoren wenden sich gegen die Darstellung des Screeningnutzens mittels absoluter Häufigkeiten und propagieren eine Darstellung durch bedingte Wahrscheinlichkeiten. Sie postulieren, die Bevölkerung sei im Umgang mit bedingten Wahrscheinlichkeiten geübt, da im Alltag permanent Risiken zu bewerten seien (Gebäudeversicherung).

Ich teile diese Ansicht nicht. Zahlreiche sozialpsychologische Studien zeigen, dass die meisten Menschen Alltagsrisiken in der Regel falsch einschätzen. Gigerenzer (1) hat in einer Anzahl von Studien nachgewiesen, dass sowohl Laien als auch Fachleute nicht in der Lage waren, richtige Schlüsse aus bedingten Wahrscheinlichkeiten zu ziehen. Das Argument der Autoren die allgemeine Akzeptanz einer Gebäudeversicherung sei Ausdruck des Verstehens bedingter Wahrscheinlichkeiten ist demgegenüber eher flach. Im übrigen ist es gute wissenschaftlicher Praxis, Studienergebnisse in Häufigkeiten auszudrücken. Kein kritischer Arzt wird sich bei Arzneimittelstudien auf die relative Risikoreduktion verlassen, sondern den tatsächlichen Nutzen und potenziellen Schaden anhand der Häufigkeiten NNT (number needed to treat) und NNH (number needed to harm) betrachten. Warum sollte das bei Screeninguntersuchungen nicht ebenfalls selbstverständlich sein? DOI: 10.3238/arztebl.2008.0419a

Dr. med. Reinhard Beise
Brunnenstraße 21, 85570 Ottenhofen
E-Mail: Beise@mail.biosign.de
1.
Gigerenzer G: Das Einmaleins der Skepsis. Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken. Bvt Berliner Taschenbuch Verlag 2004.
1. Gigerenzer G: Das Einmaleins der Skepsis. Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken. Bvt Berliner Taschenbuch Verlag 2004.

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