ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2008Nutzen und Risiko des Mammografie-Screenings: Mortalitätsreduktion zu hoch gerechnet

MEDIZIN: Diskussion

Nutzen und Risiko des Mammografie-Screenings: Mortalitätsreduktion zu hoch gerechnet

Benefit and Risk of Mammography Screening – Considerations from an Epidemiological Viewpoint: Overestimation of Reduction in Mortality

Dtsch Arztebl 2008; 105(23): 419; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0419b

Weymayr, Christian

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LNSLNS Becker und Junkermann erwähnen 10 % Überdiagnosen als möglichen Schaden des Mammografiescreenings. Sie gehen damit erfreulich weit über das derzeit gültige Mammografie-Merkblatt des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses hinaus, das zwar Frauen informieren soll, diesen gravierendsten Schaden der Früherkennung aber nicht erwähnt.

Die Autoren berücksichtigen jedoch die Überdiagnosen nur unzureichend, wenn sie schreiben: Ohne Screening sterben von 100 an Brustkrebs erkrankten Frauen 31, mit Screening 20, was eine Reduktion um 35 % ergibt.

1.) Bei 10 % Überdiagnosen wären von 100 mit Mammografie gefunden Tumoren 10 Tumore nicht auffällig geworden. Die 20 Todesfälle beziehen sich also auf 90 potenziell tödliche Tumore, die die Autoren aber 100 ohne Screening auffällig gewordenen Tumoren gegenüberstellen. Hochgerechnet auf 100 mit Mammografie gefundenen potenziell tödlichen Tumoren ergeben sich demnach 22 Todesfälle und daher eine Reduktion um 29 %.

2.) Die Autoren nennen den Wert von 10 % Überdiagnosen, die sie der Arbeit von Zackrisson et al. entnehmen (1). Zackrisson et al. betrachten die kumulative Inzidenz 15 Jahre nach Beendigung der Malmö-Studie. Direkt nach Beendigung der Studie sind es dagegen 24 %. Zahl et. al. ermittelt sogar 30 % (2). 10 % Überdiagnosen erscheinen auch deswegen zu niedrig, weil allein In-situ-Karzinome zu 13 % Überdiagnosen führen (3). Bei 20 % Überdiagnosen kämen auf 100 mit Mammografie gefundene potenziell tödliche Tumoren 25 Todesfälle, was eine Mortalitätsreduktion gegenüber Nicht-Screenen von 20 % ergibt. Bei 30 % Überdiagnosen wären es 28 Todesfälle, also eine Reduktion um 10 %. Diese Unsicherheit sollte ebenso kommuniziert werden wie das Phänomen der Überdiagnosen an sich. DOI: 10.3238/arztebl.2008.0419b

Dr. rer. nat. Christian Weymayr
Schaeferstraße 22, 44623 Herne
E-Mail: Christian.Weymayr@web.de
1.
Zackrisson S, Andersson I, Janzon L et al.: Rate of over-diagnosis of breast cancer 15 years after end of Malmö mammographic screening trial: follow-up study. BMJ 2006; 332: 689–92. MEDLINE
2.
Zahl PH, Strand BH, Mæhlen J: Incidence of breast cancer in Norway and Sweden during introduction of nationwide screening: prospective cohort study. BMJ 2004; 328: 921–4. MEDLINE
3.
Koch K, Weymayr Ch: Kritik der Krebsfrüherkennung. Der Onkologe 2008; 14: 181–8.
1. Zackrisson S, Andersson I, Janzon L et al.: Rate of over-diagnosis of breast cancer 15 years after end of Malmö mammographic screening trial: follow-up study. BMJ 2006; 332: 689–92. MEDLINE
2. Zahl PH, Strand BH, Mæhlen J: Incidence of breast cancer in Norway and Sweden during introduction of nationwide screening: prospective cohort study. BMJ 2004; 328: 921–4. MEDLINE
3. Koch K, Weymayr Ch: Kritik der Krebsfrüherkennung. Der Onkologe 2008; 14: 181–8.

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