MEDIZIN: Diskussion

Nutzen und Risiko des Mammografie-Screenings: Abwägungs- und Entscheidungsprozess

Benefit and Risk of Mammography Screening – Considerations from an Epidemiological Viewpoint: Judgement and Decision Processes

Dtsch Arztebl 2008; 105(23): 420; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0420a

Klemperer, David

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Die Autoren legen dar, dass sich möglicherweise „nicht wenige Frauen“ für die Teilnahme entscheiden, weil sie die geringe Eintrittswahrscheinlichkeit des Schadens (Tod durch Brustkrebs) sozusagen mit der Schadenshöhe, welche der Tod darstellt, in einem versicherungsmathematischen Sinne multiplizieren.

Es trifft sicher zu, dass „nicht wenige“ Frauen sich für die Teilnahme entscheiden würden, auch wenn sie wüssten, dass für eine gesunde Frau die Wahrscheinlichkeit gering ist, den Krebstod mit Hilfe der Früherkennung zu vermeiden. Genau dieser Sachverhalt wird den Frauen in den im deutschsprachigen Raum üblichen Informationsmaterialien jedoch vorenthalten, sodass sie die entsprechenden Abwägungsprozesse gar nicht erst durchführen können. Die Wahrscheinlichkeit für katastrophische Schäden wie Überdiagnose mit Übertherapie ist ebenfalls gering, muss aber selbstverständlich ebenfalls Teil des Abwägungs- und Entscheidungsprozesses sein.

Empirisch ist gut belegt, dass Entscheidungen von der Art und dem Umfang der Information abhängen. Die Darstellung des Interventionseffektes allein als relatives Risiko weckt einen unrealistisch positiven Eindruck (1). Patienten fühlen sich mit absoluten Zahlen und absoluten Risiken gut informiert (2). Die unterschiedliche Darstellung identischer Sachverhalte – im Sinne von „halbvoll“ versus „halbleer“ – kann Patienten zu gegensätzlichen Entscheidungen bringen. Daraus kann unseres Erachtens nur folgen: Die Abwägung von Nutzenwahrscheinlichkeiten und Schadensrisiken ist jeder einzelnen Frau aufgrund umfassender, ergebnisoffener Informationen zu überlassen. Es gibt keinen vernünftigen Grund, den Frauen verständliche Informationen vorzuenthalten, wie es bislang der Fall ist. Dazu zählen zumindest folgende Punkte: das Risiko von Brustkrebs in ihrer Altersgruppe, die Wahrscheinlichkeit den Krebstod durch Früherkennung zu vermeiden, die Rate falsch-positiver und falsch-negativer Befunde, die Gefahr der Überdiagnose mit der Konsequenz der Übertherapie (3). DOI: 10.3238/arztebl.2008.0420a

David Klemperer
Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e.V.
– Fachbereich Patienteninformation und Patientenbeteiligung –
Hochschule Regensburg
Seybothstraße 2, 93053 Regensburg
Internet: http://www.ebm-netzwerk.de/fachbereiche/fb_patienteninformation.htm/
E-Mail: david.klemperer@soz.fh-regensburg.de
1.
Covey J: A Meta-analysis of the Effects of Presenting Treatment Benefits in Different Formats. Med Decis Making 2007; 27: 638–54. MEDLINE
2.
Koch K, Scheibler F: Einstellungen und Informationsstand zur Früherkennung: Informiert und doch getäuscht? In: Böcken J, Braun B, Amhof R: Gesundheitsmonitor 2007. Verlag Bertelsmann Stiftung 2007.
3.
Koch K, Weymayr C: Kritik der Krebsfrüherkennung. Der Onkologe 2008; 14: 181–8.
1. Covey J: A Meta-analysis of the Effects of Presenting Treatment Benefits in Different Formats. Med Decis Making 2007; 27: 638–54. MEDLINE
2. Koch K, Scheibler F: Einstellungen und Informationsstand zur Früherkennung: Informiert und doch getäuscht? In: Böcken J, Braun B, Amhof R: Gesundheitsmonitor 2007. Verlag Bertelsmann Stiftung 2007.
3. Koch K, Weymayr C: Kritik der Krebsfrüherkennung. Der Onkologe 2008; 14: 181–8.

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