ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2008Nutzen und Risiko des Mammografie-Screenings: Diskussion der Nutzen-Schaden-Diskussion

MEDIZIN: Diskussion

Nutzen und Risiko des Mammografie-Screenings: Diskussion der Nutzen-Schaden-Diskussion

Benefit and Risk of Mammography Screening – Considerations from an Epidemiological Viewpoint: Discussing the Benefit-Harm Debate

Dtsch Arztebl 2008; 105(23): 421; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0421a

Jöckel, Karl-Heinz; Stang, Andreas

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LNSLNS Der Übersichtsartikel von Becker und Junkermann beleuchtet ein gesundheitspolitisch sehr wichtiges Thema. Bereits der Titel stellt allerdings ein Problem dar, weil er den Nutzen mit dem Risiko und nicht mit dem Schaden kontrastiert. Hier wird der Eindruck vermittelt, als ob dem Nutzen des Mammografiescreenings nur ein (statistisches) Risiko gegenüberstünde. Dies ist nicht der Fall, vielmehr handelt es sich sowohl beim Nutzen als auch beim Risiko um statistische Hochrechnungen eines erwarteten Nutzens und Schadens. Wir halten die vorgelegte Nutzen-Schaden-Abwägung aber auch aus mehreren anderen Gründen nicht für ausgewogen:

Die Autoren illustrieren den Nutzen anhand von 100 000 fiktiv beobachteten Frauen, die sich dem 2-jährlichen Screening 10-mal unterziehen; der Schaden wird jedoch anhand einer Gruppe von nur 1 000 Frauen dargestellt. Pro 100 000 Frauen, bei denen 540 Brustkrebstodesfälle vermieden würden, wären folgende Schäden zu erwarten:

- 22 300 bis 36 300 Frauen mit falschpositiver Mammografie
- 500 Frauen mit Überdiagnose Brustkrebs
- 6 300 Frauen mit falschpositiver Indikation für eine Brustbiopsie
- circa 500 Frauen mit gutartigem Befund bei einer Brustoperation
- 10 bis 240 strahleninduzierte Brustkrebsfälle.

Somit wird jede dritte Frau, die über 20 Jahre (Alter 50 bis 69 Jahre) jedes zweite Jahr zum Screening geht, unnötig beunruhigt, ein erheblicher Anteil der Frauen aufgrund falsch positiver Befunde beziehungsweise Überdiagnosen invasiv abgeklärt oder behandelt, und eine nicht unerhebliche Anzahl von Brustkrebsfällen induziert. Eine kritische Diskussion zur Lebensqualität der unnötig beunruhigten Frauen und ihrer Angehörigen erfolgt nicht. Dies wäre aber für eine angemessene Diskussion der Nutzen-Schaden-Relation unerlässlich.

Insgesamt erscheint die Nutzen-Schaden-Diskussion nicht ausgewogen. DOI: 10.3238/arztebl.2008.0421a

Prof. Dr. rer. nat. Karl-Heinz Jöckel
Dr. med. Barbara Hoffmann
Institut für Medizinische Informatik, Biometrie
und Epidemiologie
Medizinische Fakultät
Universität Duisburg-Essen
Hufelandstraße 55, 45147 Essen
E-Mail: k-h.joeckel@uk-essen.de

Prof. Dr. med. Andreas Stang, MPH
Sektion Klinische Epidemiologie
Institut für Medizinische Epidemiologie, Biometrie
und Informatik
Medizinische Fakultät
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Magdeburger Straße 8, 06097 Halle (Saale)

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