ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2008Nutzen und Risiko des Mammografie-Screenings: Stadienbezogene Letalitätsraten

MEDIZIN: Diskussion

Nutzen und Risiko des Mammografie-Screenings: Stadienbezogene Letalitätsraten

Benefit and Risk of Mammography Screening – Considerations from an Epidemiological Viewpoint: Stage-Dependent Lethality

Dtsch Arztebl 2008; 105(23): 421; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0421b

Schwartz, Friedrich Wilhelm

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LNSLNS Der Artikel von Becker und Junkermann zu Nutzen und Risiko des Mammografie-Screenings führt zum Heftaufmacher mit dem Titel „Mammografie: Screening senkt Brustkrebsmortalität um 35 %“. Diese Aussage, die auch eine der drei Kernaussagen der Autoren Becker und Junkermann ist, ist in zweifacher Hinsicht irreführend:

1.) Die Autoren sprechen nicht über Mortalität im Sinne der üblichen epidemiologischen Maßzahl von spezifischer Sterbewahrscheinlichkeit in definierten Bevölkerungsgruppen, sondern sie sprechen über Letalität, das heißt über die bedingte Wahrscheinlichkeit, bei gestellter Diagnose und (normalerweise) daraus folgender Behandlung in einem Beobachtungszeitraum zu versterben (1)

2.) Die Autoren versuchen durch den Bezug auf Mortalität/Letalität als Effektgröße das Problem der Vorverlagerung des Diagnosezeitpunktes durch ein Screening gegenüber einer nicht gescreenten Vergleichsgruppe (der sogenannten „lead-time-bias“) zu umgehen. Sie schreiben: „Die Mortalität ist die einzig unverzerrt quantifizierbare Zielgröße für Untersuchungen zur Wirksamkeit von Früherkennungsmaßnahmen“. Allerdings ist die von ihnen betrachtete Letalität nach Diagnosestellung beim Brustkrebs in seinen verschiedenen Auftrittsformen abhängig vom Tumorstadium (gemäß Tumorklassifikation der WHO) bei Stellung der Diagnose. Die Fallverteilung in gescreenten Populationen selektiert aber zugunsten niedrigerer, prognostisch günstigerer Stadien und langsamerer Verläufe gegenüber nicht gescreenten Populationen. Die Betrachtung der Mortalität/Letalität nach Diagnoseeintritt eliminiert nicht den „lead-time-bias“. Um dieses zu erreichen, müssten die Autoren stadienbezogene Letalitätsraten für ein definiertes Zeitfenster präsentieren und diskutieren. DOI: 10.3238/arztebl.2008.0421b

Prof. Dr. med. Friedrich Wilhelm Schwartz
Direktor des Instituts für Epidemiologie,
Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung
MHH
30623 Hannover
E-Mail: Epidemiologie@mh-hannover.de

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