ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2008Patienteninformation und die Rolle der Industrie: Unauflösbarer Interessenkonflikt

POLITIK

Patienteninformation und die Rolle der Industrie: Unauflösbarer Interessenkonflikt

Dtsch Arztebl 2008; 105(23): A-1261 / B-1095 / C-1071

Spielberg, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Pharmaindustrie drängt darauf, das EU-weite Informationsverbot für rezeptpflichtige Medikamente zu kippen. Ärzte und Politiker sind skeptisch.

Soll das Informationsverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel in der Europäischen Union (EU) fallen oder nicht? Diese Frage beschäftigt derzeit Ärzte, Apotheker, Hersteller und Politiker auf deutscher und europäischer Ebene.

EU-Industriekommissar Günter Verheugen ist grundsätzlich dafür. Im Oktober will er einen Richtlinienvorschlag vorlegen, der es der Pharmaindustrie erlauben soll, Patienten Informationen über ihre Produkte im Internet oder in Broschüren bereitzustellen. Bislang verbietet die europäische Gesetzgebung dies. Er beabsichtige aber nicht, das Werbeverbot aufzuheben, so Verheugen. „Anzeigen in Printmedien sowie Fernseh- oder Radiospots für Arzneimittelinnovationen wird es mit mir nicht geben“, beteuert er. Er wolle der Industrie nur gestatten, die in den Beipackzetteln vorgeschriebenen Angaben und die Fachinformationen für Ärzte in eine für den Verbraucher verständliche Sprache zu übersetzen.

Patienten wollen Informationen
Die Pharmabranche, die seit Jahren Druck auf Brüssel ausübt, um das Informationsverbot zu kippen, freut das. Denn auch sie wolle nicht für ihre Produkte werben, betont Dr. Wolfgang Plischke, Vorstandsvorsitzender des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Die Internetrecherchen zahlreicher Patienten auf den Webseiten US-amerikanischer Arzneimittelhersteller belegten jedoch, dass ein großes Bedürfnis nach Informationen über rezeptpflichtige Medikamente bestehe, so Plischke. In der heutigen Informationsgesellschaft sei es zudem nicht mehr vermittelbar, dass den Bürgern Informationen über Arzneimittel durch die Hersteller gesetzlich verwehrt würden, sagt die Hauptgeschäftsführerin des VFA, Cornelia Yzer.

Wie der europäische Gesetzgeber das Kunststück bewältigen will, eine Grenze zwischen erlaubter Information und verbotener Werbung zu ziehen, ist allerdings bislang ein ungelöstes Problem. Dies sei jedoch in erster Linie eine rein „akademische Frage“, so Plischke, da die bereitgestellten Informationen einer qualitativen Prüfung unterzogen werden sollen.

Ärzte, Verbraucherschützer und Vertreter der Bundesregierung sehen das anders. Der Deutsche Ärztetag hat sich unlängst in Ulm gegen eine Aufweichung des Informationsverbots ausgesprochen. „Die pharmazeutische Industrie steht bezüglich der Erstellung unabhängiger Patienteninformationen in einem nicht auflösbaren institutionellen Interessenkonflikt“, heißt es in einem Beschluss. Auch die Bundesregierung glaubt, dass es den Herstellern schwerfallen wird, „unbeeinflusste, objektive Informationen“ bereitzustellen. Ansätze zur Öffnung der rechtlichen Grundlagen müssten daher sorgfältig geprüft werden, heißt es in einem Schreiben der Regierung an die Europäische Kommission.

Die niedergelassenen Ärzte fürchten zudem, dass die gezielte Information der Patienten durch die Industrie zu einer vermehrten Nachfrage nach Arzneimitteln führen könnte, für die keine Indikation vorliegt. Plischke weist dies zurück. Er sieht sogar Vorteile für das Arzt-Patient-Verhältnis. Denn informierte Patienten seien in aller Regel die besseren Patienten.

Im Europäischen Parlament gehen die Meinungen über die Pläne von Industriekommissar Verheugen indessen auseinander. Die SPD-Europaabgeordnete Dagmar Roth-Behrendt begrüßt eine Informationsfreigabe. Denn derzeit befänden sich im Internet mehr Mythen als Wahrheiten über Arzneimittelinnovationen. Außerdem unterlägen die zumeist auf Englisch bereitgestellten Informationen keiner Kontrolle. Eine umfassende Aufklärung der Patienten ist aus ihrer Sicht jedoch nur zu gewährleisten, wenn neben der Pharmaindustrie auch Ärzte und Patientenorganisationen am Informationsangebot beteiligt sind.

Patientensicherheit hat Vorrang
Für eine Änderung der geltenden EU-Vorschriften ist auch der liberale Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis. Sowohl er als auch Roth-Behrendt sprechen sich zugleich dafür aus, der in London ansässigen europäischen Arzneimittelagentur EMEA die Kontrolle der Informationen zu übertragen. Die Pharmabranche wiederum bevorzugt ein Modell, bei dem sich die Industrie zu einer freiwilligen Selbstkontrolle verpflichten würde. „Dies wäre der unbürokratischere Weg“, so Yzer. Man könne sich aber auch eine Zusammenarbeit mit der EMEA vorstellen.

Der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese hingegen meint: „So einfach, wie sich Verheugen und die Pharmaindustrie das vorstellen, wird es nicht gehen.“ Zwar sei gegen ein „schlüssiges Konzept“ und „sachgemäße Informationen“ nichts einzuwenden, so Liese. Die Kommission sei allerdings schon einmal mit dem Versuch gescheitert, die geltende Gesetzeslage zu ändern.

Der von der Behörde im Jahr 2002 vorgelegte Richtlinienentwurf war handwerklich derartig schlecht gemacht, dass er vom Europäischen Parlament zurückgewiesen wurde. Ein erneuter Vorschlag müsse daher „wasserdicht“ sein und der Patientensicherheit Vorrang vor den Interessen der Industrie einräumen, betonte Liese.
Petra Spielberg
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema