ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2008Männergesundheit: Außen hart und innen ganz weich

POLITIK

Männergesundheit: Außen hart und innen ganz weich

Dtsch Arztebl 2008; 105(23): A-1266 / B-1099 / C-1074

Rabbata, Samir

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LNSLNS Sie sterben früher und werden häufiger krank als Frauen – schon das Mannsein an sich ist ein Gesundheitsrisiko. Mit entsprechender Hilfestellung können Männer aber vieles tun, um ihre Gesundheit zu schützen.

Was viele Männer nicht gern hören wollen, besang Herbert Grönemeyer schon vor 25 Jahren: Als „außen hart und innen ganz weich“ beschrieb er das vermeintlich starke Geschlecht. Mittlerweile weiß man, dass diese Eigenart der Männer fatale Folgen für deren Gesundheit haben kann. Im Schnitt sterben Männer sechs bis sieben Jahre früher als Frauen, sie werden schneller krank und leiden als Kind häufiger unter Kinderkrankheiten. Männer sind zudem öfter von Erkrankungen der Atemwege und des Herz-Kreislauf-Systems, von Drogenabhängigkeit und von Übergewicht betroffen.
Ist also Mannsein an sich schon ein Gesundheitsrisiko, an dem die Männer selbst nichts ändern können? Nur zum Teil, denn viele Beeinträchtigungen könnten Männer durch gesundheitsbewusstes Verhalten vermeiden. Dies war der Tenor einer Fachtagung der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen zum Thema Männergesundheit in Berlin. Dennoch: Mehr männliche als weibliche Kinder stürben während der Schwangerschaft und im Säuglingsalter. Auch begünstige die genetische Disposition den Ausbruch bestimmter Erkrankungen. Auf diese, von Männern nicht zu beeinflussenden Benachteiligungen, wies der Grünen-Politiker Volker Beck gleich zu Beginn der Veranstaltung hin.

Einführung des Facharztes für Männerheilkunde umstritten
Wenig Einfluss haben Männer auch auf die gesellschaftlichen Gegebenheiten, in denen sie leben. Diese haben umgekehrt aber starke Auswirkungen auf Morbidität und Mortalität der Bevölkerung. Beck verdeutlichte dies an zwei Beispielen: In der ehemaligen Sowjetunion habe man beobachten können, dass die Lebenserwartung der Bevölkerung nach dem Zusammenbruch des Kommunismus stark abgenommen habe. Zwischen Männern und Frauen habe sich der Unterschied bei der Le-benserwartung seitdem deutlich vergrößert (Männer: 59,6 Jahre, Frauen: 71,3 Jahre). In israelischen Kibbuzim hingegen, wo die Lebensumstände für Männer und Frauen ähnlich seien, nähere sich die Lebenserwartung der Geschlechter an.

Für Dr. med. Haydar Karatepe, Allgemeinmediziner und Leiter des Zentrums für Sexualmedizin und Männerheilkunde in Frankfurt am Main, sind die biologischen und gesellschaftlichen Benachteiligungen der Männer kein Grund, dass diese sich tatenlos ihrem Schicksal ergeben müssen. Männer seien für viele gesundheitliche Beeinträchtigungen selbst verantwortlich. Sie verdrängten oft Gesundheitsprobleme, Warnsignale würden ignoriert und Arztbesuche hinausgezögert. Weitere Risikofaktoren für die männliche Gesundheit seien selbstschädigendes Verhalten, wie übermäßiger Sport oder Bewegungsmangel, Drogenmissbrauch, riskante Fahrweise im Straßenverkehr und ungesunde Ernährung. „Aufklärung, Motivation und Hilfestellung sind die Hauptmaßnahmen, mit denen Männer zu einem gesundheitsbewussten Verhalten bewegt werden können“, riet Karatepe bei der Fachtagung.

Umstritten ist jedoch, wer die Männer unterstützen könnte und wie dies am besten zu bewerkstelligen ist. Karatepe wies darauf hin, dass es in Deutschland trotz jahrelanger Debatten keinen Facharzt für Männerheilkunde gebe. Zumindest für die Patientenversorgung sei ein solcher Facharzt seiner Meinung nach auch nicht nötig. „Diese Aufgaben sollten neben den Urologen diejenigen Ärzte übernehmen, die in der Regel die ersten Ansprechpartner für die männlichen Patienten sind – die Hausärzte. Für diese müssten aber verstärkt Fortbildungen mit männerheilkundlichen Themen angeboten werden. Im wissenschaftlichen Bereich hingegen sollte nach Meinung Karatepes eine Disziplin Männerheilkunde eingeführt werden, „um Grundlagenforschung zu betreiben und um Datenmaterial zu beschaffen“.

Vorreiter Berlin
Bereits seit 2007 betreibt der Berliner Klinikkonzern Vivantes im Stadtbezirk Friedrichshain eine medizinische Anlaufstelle für Männer. Schwerpunktmäßig befassen sich die Ärzte dort mit sexuellen Störungen und Fruchtbarkeitsproblemen. Sie bieten Vorsorgeuntersuchungen an und behandeln Erkrankungen von Hoden und Prostata sowie Bluthochdruck und Diabetes. „Zum Andrologen zu gehen, sollte für Männer so selbstverständlich werden, wie es für Frauen selbstverständlich ist, regelmäßig den Gy-näkologen aufzusuchen“, forderte Dr. med. Wolfgang Harth, Leiter des Schwerpunktzentrums.

Männer seien durchaus für Gesundheitsthemen erreichbar, meint Thomas Altgeld, Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen. Ansatzpunkte einer männerspezifischen Gesund­heits­förder­ung seien unter anderem die Ausdifferenzierung von klar umrissenen Zielgruppen. Außerdem rät auch er, Ärzte und Lehrer sowie weitere Multiplikatoren im Gesundheits-, Sozial- und Bildungsbereich für männerspezifische Gesundheitsthemen zu sensibilisieren und entsprechend zu qualifizieren.
Samir Rabbata
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