ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2008Arzneimittel: Klare Trennung der Kompetenzen
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Der Vorsitzende des internationalen IQWiG-Expertenpanels, Prof. Dr. med. Jaime Caro, der auch Partner der Beratungsfirma United Biosource Corporation (UBC) ist, vermisst „eine ernsthafte wissenschaftliche Debatte um die vorgestellte Methodik“ und beklagt, dass in „vielen Köpfen . . . der Glaube (vor)herrscht, dass Entscheider im Gesundheitswesen einen universalen Maßstab benötigen, um Entscheidungen treffen zu können“. Das sei eine weltfremde Idee, betont er. Ob die beim IQWiG eingegangenen knapp 50 ausführlichen Stellungnahmen tatsächlich so „wenig ernsthaft“ und „weltfremd“ sind, wie Caro behauptet, wird die Fachwelt nur feststellen können, wenn diese der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Von Interesse wäre in diesem Zusammenhang auch, nach welchen Kriterien das internationale Expertenpanel zusammengestellt worden ist, wie Caro zum Vorsitzenden wurde und aus welchen Gründen der weltweit anerkannte Gesundheitsökonom und Evaluationsforscher Prof. Frans Rutten von der Erasmus-Universität in Rotterdam das Gremium wieder verlassen hat . . . Fest steht, dass das IQWiG die Aufgabe hat, ein Methodenpapier zu der Kosten-Nutzen-Bewertung von Arzneimitteln vorzulegen, das den in den „jeweiligen Fachkreisen anerkannten internationalen Standards der Gesundheitsökonomie“ (§35 b SGBV) genügen muss. Hingegen publizierte das IQWiG einen Bericht aus der Feder Caros, in dem kaum etwas zu den Methoden der Kosten- und Nutzen-Bewertung zu finden ist und der Leser bezüglich spezifischer Methodenfragen auf bislang nicht veröffentlichte Anhänge verwiesen wird. Zur zeitlich vor der Kosten-Nutzen-Bewertung geplanten Nutzenmessung wird nur gesagt, dass diese nach dem IQWiG-Methodenpapier „Allgemeine Methoden“ erfolgen soll, das bislang in englischer Sprache nicht vorliegt und daher von der Expertengruppe überhaupt nicht beurteilt werden konnte. Stattdessen wird lang und breit das sogenannte Effizienzgrenzen-Modell dargestellt, das bislang nirgends auf der Welt verwendet wird, durch die ökonomische Theorie keine Begründung findet und in den meisten Indikationen kaum praktikabel sein dürfte. Hierauf haben in einer der erwähnten 50 Stellungnahmen in sachlicher Weise nicht nur 29 deutsche Gesundheitsökonomen hingewiesen, sondern auch eine breite Phalanx führender ausländischer Ökonomen, unter ihnen der schon erwähnte Prof. Rutten. Was wir dringend bei der Bewertung von Therapien, die durch die Solidargemeinschaften zu bezahlen sind, benötigen, ist Transparenz, Wissenschaftlichkeit, Fairness gegenüber allen Beteiligten, Vermeidung von polemischer Auseinandersetzung und eine klare Trennung der Kompetenzen. Bislang erscheint es eher zweifelhaft, ob das IQWiG bei dem Diskussionsprozess zur Methodik seiner Bewertungen diese eigentlich selbstverständlichen Kriterien gelten lassen wird. Wir haben diese Hoffnung allerdings noch nicht aufgegeben und sehen einer intensiven Diskussion mit Spannung entgegen, da von den Ergebnissen dieses Prozesses die Versorgung von vielen Bürgern in der Zukunft beeinflusst wird.

Prof. Dr. Friedrich Breyer, Universität Konstanz,
Universitätsstraße 10, 78464 Konstanz,
Prof. Dr. Wolfgang Greiner, Universität Bielefeld, Universitätsstraße 25, 33615 Bielefeld
Prof. Dr. J.-Matthias Graf von der Schulenburg, Leibniz Universität Hannover, Königsworther Platz 1, 30167 Hannover
Prof. Dr. Jürgen Wasem,
Universität Duisburg-Essen, Schützenbahn 70, 45127 Essen
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