ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2008Hausärztemangel: Mir geht es gut

BRIEFE

Hausärztemangel: Mir geht es gut

Dtsch Arztebl 2008; 105(23): A-1286 / B-1111 / C-1087

Pilz, Mark

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Die zum Thema Hausärztemangel abgedruckten Leserbriefe, deren Tenor auch in vielen Beiträgen immer wieder zum Ausdruck kommt, lässt mich denken, ich würde in einem anderen Land praktizieren. Ich habe im Jahr 2001 in der niedersächsischen Provinz (maximal vier Prozent Privat- und BG-Patienten) eine Lungenfacharztpraxis gegründet. Schon damals musste ich mir von Kollegen anhören, ich sei wohl lebensmüde. Heute kann ich von meinen Einnahmen die Raummiete, die Gehälter nach Tarif einschließlich Weihnachts-, Urlaubs- und Kittelgeld, die laufenden Kosten und den Kredit bezahlen. Darüber hinaus den Kredit für das eigene Wohnhaus, die privaten Lebenshaltungskosten einschließlich zweier Autos und zweier Urlaube im Jahr (zwar nicht im Fünf-sternehotel, sondern z. B. im Zelt in Schweden). Damit geht es mir und meiner Familie besser als den meisten Menschen in unserem Land. Um festzustellen, dass es den hausärztlichen Kollegen zumindest in Niedersachsen nicht so viel schlechter gehen kann, genügt ein Blick in die regelmäßig im „Niedersächsischen Ärzteblatt“ veröffentlichte Honorarstatistik: Quartal I/07: Fallwert Lungenärzte Euro 57,16, Fallwert Allgemeinärzte Euro 49,03. Bei Letzteren dürften allerdings mangels Röntgenanlage und Blutgasanalysator die Ausgaben deutlich niedriger sein. Selbst wenn die vier Prozent Privat- und BG-Patienten meiner Praxis wegfallen würden, könnte ich, und da muss ich Facharztkollegen Zöller aus Hildesheim (ebenfalls Niedersachsen) widersprechen, dennoch alle Praxiskosten aus den KV-Einnahmen decken. Verzichten müsste ich lediglich auf die beiden Urlaube. Für dieses Einkommen habe ich zwar keine 38,5-Stunden-Woche und während der Sprechstunde keine Frühstückspause, keine Zeit für private Telefonate und keine Zeit für Pharmavertreter. All dies haben aber andere Akademiker mit vergleichbarem Einkommen auch nicht. Das Verhältnis von Zeit am Patienten und Zeit für Verwaltung, Fortbildung etc. finde ich akzeptabel. Ein Großteil der Verwaltungsarbeit wird mir nämlich von der „verhassten“ KV abgenommen. Die Abrechnungsdatei, die ich ihr dafür zur Verfügung stellen muss, brauche ich noch nicht einmal selbst zu erstellen. Dies macht meine Mitarbeiterin in circa zwei Stunden. Das Geld aus Privatbehandlungen wiederum treibt eine privatärztliche Verrechnungsstelle für mich ein. Vergleiche ich diesen Aufwand mit dem meiner Handwerkerfreunde, möchte ich nicht tauschen. Die Verwaltungsarbeit, die darüber hinaus anfällt, ist oft nicht KV-„verschuldet“ (Versorgungsamtanfragen, Anfragen von Lebensversicherern etc.) oder aber mit jeder Selbstständigkeit verbunden (Finanzamt, Buchhaltung, Gewerbeaufsicht). Aber damit nicht genug. Meine Arbeit macht mir meistens sogar Spaß. Unser Berufsstand hat mich schon immer an die Landwirte erinnert, bei denen Klagen auch zum Geschäft gehören, egal wie hoch oder tief der Milch-, Getreide- oder Fleischpreis gerade ist. Das selbstmitleidige Wehklagen beider Berufsgruppen ist für mich oft nur noch schwer zu ertragen.
Dr. Mark Pilz, Kirchenstraße 126, 26919 Brake
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