ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2008Arztgeschichte: Der arme Patient

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Der arme Patient

Dtsch Arztebl 2008; 105(23): [132]

Uhlig, Marion

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Zeichnung: Elke Steiner
Zeichnung: Elke Steiner
Tiefe Falten um Augen-, Mund- und Stirnregion zeugen von Kämpfen und Niederlagen, zeigen aber auch Glück und Heiterkeit.

Da sitzt er nun vor mir, dieser alte Herr, der so energisch darum gestritten hat, hier und von mir behandelt zu werden. Die Diskussion mit meinen Arzthelferinnen an der Anmeldung wurde zuletzt relativ lautstark geführt, blieb aber immer im Rahmen der Höflichkeit, soweit ich das bei meinem Hin-und-Herlaufen zwischen den drei Sprechzimmern mitbekommen habe. Die Diskussion muss auch relativ lange gedauert haben, denn sie erstreckte sich über mindestens zwei Türwechsel, also jeweils drei Patienten.

Womit der alte Herr meine an sich diskussionsgewohnten Damen letztendlich überzeugt hat, ist mir schleierhaft. Wahrscheinlich haben sie ob des Zeitproblems und seines Alters wegen (auf der Karte steht Geburtsjahr 1921) einfach klein beigegeben. Wie er da so auf meinem Stuhl hockt, scheint jeder Kampfgeist in ihm erloschen. Mit jedem Wort – und es sind deren viele – scheint er mutloser zu werden. Er macht den Eindruck, als habe er nunmehr genug gekämpft und als seien seine Hoffnungen auf eine bessere Sehkraft nicht besonders groß.

Mitleid macht sich in mir breit und das Bewusstsein, oftmals nicht mehr helfen zu können, wenn es im Alter um den Verlust des Sehvermögens geht. Während seines umfangreichen Berichts über eine Odyssee zwischen Augenärzten, Krankenkassen und Optikern betrachte ich sein zerfurchtes Gesicht. Tiefe Falten um Augen-, Mund- und Stirnregion zeugen von Kämpfen und Niederlagen, zeigen aber auch Glück und Heiterkeit, und trotz seines jammervollen Berichts könnte ich schwören, dass sein Gesicht mehr Lachfalten birgt, als sein Besitzer gegenwärtig zugeben möchte. Fünf Kinder hat er, drei Söhne und zwei Töchter – immer mit derselben Frau und alles ordentliche Menschen! Die meisten von ihnen sind selbst schon Großeltern, und eine Tochter ist letztes Jahr gestorben. Er hat sogar schon zwei Urenkel, zwölf und 15 Jahre alt.

Mit kurzen Anweisungen seinen Redefluss gelegentlich unterbrechend, bemühe ich mich um eine gründliche, sorgfältige Untersuchung seiner Augen. Sein Sehvermögen ist wirklich sehr schlecht, zeigt aber bei einzelnen Prüfungen erstaunliche Stärken. Auch der organische Befund ergibt keine offensichtlichen Abnormitäten. Hätte ich es nicht mit einem so betagten Mann zu tun, käme mir der Gedanke, der alte Herr wolle nur eine Brillen- und Lupenverordnung auf Kassenrezept, was ja seit einiger Zeit erst ab einer Sehschärfe von unter 30 Prozent möglich ist.

Sein Bericht dauert an und wird mit Schilderung der gegenwärtigen Umstände immer trauriger, sodass mein Verdacht im Keim erstickt wird. Ich erkläre ihm, dass ich ihm zunächst eine Brille und eine Lupe verordne, aber auf einer erneuten Untersuchung zu einem baldigen späteren Zeitpunkt bestehen muss. Dann werde ich mir mehr Zeit nehmen, die Ursachen seines Sehverlusts zu ergründen, denn eigentlich seien seine Augen ganz in Ordnung. Zwischenzeitlich soll er sich einem Neurologen vorstellen, und einen Befund vom Hausarzt möchte ich auch. Wieselflink greift er nach den beiden Rezepten, wobei er beteuert, dass das doch sicher noch Zeit hätte, schließlich sei meine Untersuchung mehr als genau gewesen. Er drückt mir die dargebotene Hand, macht einen strammen Diener, während er sich herzlich bedankt, und ich bin mir nun sicher, dass die Lachfalten überwiegen.

Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit sind wie weggeblasen. Vor mir steht ein älterer Herr mit sehr wachem Blick, welcher innerlich leuchtend auf meinem Dekolleté ruht. Und während er im Hinausgehen das hübsche kleine Kreuz lobt, welches um meinen Hals baumelt und das er mit seiner Sehschärfe eigentlich nicht als solches erkennen dürfte, holt er einen Autoschlüssel heraus, winkt mir noch einmal zu und verschwindet mit den Worten: „Jetzt muss ich mich aber beeilen! Meine Parkzeit ist schon abgelaufen!“
Dr. med. Marion Uhlig
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