ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2008Qualitätsgesicherte ADHS-Versorgung: Gemeinsam für die Kinder

EDITORIAL

Qualitätsgesicherte ADHS-Versorgung: Gemeinsam für die Kinder

PP 7, Ausgabe Juni 2008, Seite 241

Bühring, Petra

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LNSLNS Fast schon eine kleine Sensation: Vertreter der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, der -psychiater und -ärzte sitzen gemeinsam und einig in der Sache auf dem Podium der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Sie hatten ihren Vortrag zur Vorstellung des Konzepts zur qualitätsgesicherten Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) sogar gemeinsam vorbereitet und gaben sich gegenseitig das Wort in die Hand. Zusammen mit Dr. med. Carl-Heinz Müller, dem Vorsitzenden der KBV, erläuterten Dieter Best, Deutsche Psychotherapeutenvereinigung, Dr. med. Christa Schaff, Berufsverband für Kinderpsychiatrie, und Dr. med. Klaus-Peter Grosse, stellvertretender Vorsitzender der AG ADHS der Kinderärzte, warum es sinnvoll ist, die betroffenen Kinder mit interdisziplinären „ADHS-Teams“ zu versorgen. Regional sollen diese Teams gebildet werden, um die Behandlung koordiniert und leitliniengerecht durchzuführen. Das Konzept auszuarbeiten „war nicht ganz einfach“, merkte Psychologe Best an. Aber es ist gelungen: Mithilfe der KBV-Vertragswerkstatt ist ein Vertragsentwurf nach § 73 c SGB V zustande gekommen, der im Grunde nur noch darauf wartet, von den Krankenkassen übernommen zu werden. Vergütet werden soll außerbudgetär. Die große Anzahl von Krankenkassenvertretern bei der Veranstaltung signalisierte jedenfalls Interesse. Müller hofft, das leitliniengerechte interdisziplinäre Konzept bundesweit flächendeckend einführen zu können.

Das tut not. Denn die Versorgung der schätzungsweise 500 000 Heranwachsenden mit ADHS ist im ambulanten Bereich nicht optimal. Die Verordnungen von Methylphendidat sind seit 1991 enorm gestiegen: nach Angaben der Bundesregierung allein zwischen 1995 und 2000 um das Zehnfache. Fehlverordnungen sind nicht selten, weil es Mängel in der Diagnostik und Differenzialdiagnostik gibt. Auf der anderen Seite erhalten manche Kinder, bei denen es notwendig wäre, keine medikamentöse Behandlung. Weil nicht immer leitliniengerecht behandelt wird, aber auch, weil bei Eltern Vorurteile gegenüber der Medikamentierung ihrer Kinder bestehen. Lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz und wenig Vernetzung zwischen Ärzten und Kinderpsychotherapeuten sind weitere Mängel in der Versorgung.

Nicht nur letzteren Missstand könnte der ADHS-Vertrag beheben. Verpflichtend ist, dass in den Teams Kinderpsychotherapeuten, -psychiater und -ärzte vertreten sind. Koordinator des Falls ist derjenige dieser drei Fachgruppen, an den sich die Eltern zuerst gewendet haben. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, da nicht die Ärzte automatisch die Behandlungshoheit haben. Ein weiteres Kernelement des Konzepts ist der multimodale Ansatz aus Psychotherapie, eventuell Medikation, Elterntrainings und der Einbindung von Lehrern oder Erziehern. Hinzu kommen Teambesprechungen, Fortbildungen und die Kooperation mit Ergotherapeuten, Logopäden und der Selbsthilfe. Ein Schwerpunkt liegt auf der Psychotherapie. Die Behandlung wird zunächst ohne Medikation beginnen. Bei unbefriedigendem Verlauf wird nach drei bis sechs Monaten überprüft, ob die Gabe von Methylphenidat notwendig ist.

Bleibt zu hoffen, dass die Krankenkassen die Möglichkeit zur langfristigen Kosteneinsparung nutzen. Nicht oder falsch behandelt drohen den betroffenen Kindern seelische und körperliche Misshandlungen, weil ihre Umwelt der nervenaufreibend wirkenden Krankheit hilflos gegenübersteht. Schulabbrüche, Drogenkarrieren, eine erhöhte Unfallrate, insbesondere im Verkehr, sind weitere Auswirkungen auch im Erwachsenenalter. Denn ADHS wächst sich leider nicht aus. Nicht zuletzt kann das Konzept nur funktionieren, wenn sich genügend Psychotherapeuten beteiligen. Eine Öffnung für interdisziplinäre Behandlungskonzepte ist in jedem Fall der Weg der Zukunft.
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