ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2008Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Daniel Spoerri – Sprichwörtlich

KUNST + PSYCHE

Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Daniel Spoerri – Sprichwörtlich

PP 7, Ausgabe Juni 2008, Seite 242

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Das vorliegende Multiple gehört in eine Reihe von „Wortfallen“, in denen Daniel Spoerri in den 60er-Jahren sprichwörtliche Redensarten in Bilder und Objekte umsetzte. Dies bietet sich insofern an, als Sprichworte sich generell einer stark bildhaften Rede bedienen. Die in ihnen zum Ausdruck kommenden Verhaltensvorschriften oder auch Warnungen vor Fehlverhalten erheben Anspruch auf Allgemeingültigkeit, da Erfahrungen formuliert werden, die weder schicht-spezifisch noch historisch gebunden sind. In der vorgestellten Arbeit aus dem Jahr 1968 befinden sich einige Münzen aus D-Mark-Zeiten festgeklebt auf der oberen Kante des Objekts, dessen Boden mit Münzen und Geldscheinen bedeckt ist. Ein aufmontierter Wasserhahn stellt symbolisch den „Geldfluss“ her – oder unterbricht ihn. Es reizt zum Schmunzeln, wenn der Betrachter erkennt, wie konkretistisch die Symbolisierungen von Sprichwörtern beim Wort genommen werden. Die Aufforderung, „etwas auf die hohe Kante zu legen“ hat hier ebenso Ausdruck gefunden wie die Frage, „ob man denn gerade flüssig sei“. Beide Teile des Titels stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, denn nur, wer etwas gespart hat, hat auch Geld zur Verfügung – er aber bleibt nur flüssig, wenn er den Geldhahn nicht zu weit oder zumindest nur wohldosiert aufdreht. Die zumeist höchst ambivalente Einstellung zum Sparen brachte wohl niemand so gut auf den Punkt wie Goethe im zweiten Teil seines „Faust“: „Wir wollen alle Tage sparen und brauchen alle Tage mehr.“ Wann hätte dieses vor 40 Jahren entstandene Multiple mehr Aktualität gehabt als heute, da um den Generationenvertrag gestritten wird und die Renten längst nicht mehr als sicher gelten können? Dass der Besitzer des Multiples den Künstler beim Wort genommen hat und den ursprünglich vorhandenen Bodensatz von Münzen um Scheine erweitert hat, passt sowohl zum Thema des Objekts als auch zur Kunst der 60er-Jahre mit ihrer häufig formulierten Aufforderung, dass der bis dahin nur passiv anwesende Konsument sich beteiligen möge.
Hartmut Kraft

Biografie Daniel Spoerri
Geboren 1930 in Galati (Rumänien). Seit 1942 in der Schweiz. 1950–1955 Ballettausbildung, anschließend erster Tänzer am Stadttheater in Bern. 1959 Niederlassung in Paris, im gleichen Jahr Gründung der „edition MAT“ (Multiplication d’Art Transformable), deren „Originale in Serie“ die Mitwirkung des Betrachters fordern. 1960 erste Fallenbilder, Mitglied in der Gruppe der „Nouveaux Réalistes“ um Pierre Restany. 1968 Zusammenfassung seiner Arbeit mit Lebensmitteln unter dem Begriff „Eat Art“ und Gründung eines „Eat-Art-Restaurants“ in Düsseldorf. Lehrtätigkeiten in Köln und an der Kunstakademie München. Lebt unter anderem in Seggiano (Italien), wo er seit Jahren einen Park mit Installationen künstlerisch gestaltet.

Literatur:
D.S.: Stedelijk Museum, Amsterdam 1971.
D.S.: Retrospektive. Musée National d’Art Moderne, Paris 1990.
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