ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2008Horst-Eberhard Richter: Der unbequeme Impulsgeber

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Horst-Eberhard Richter: Der unbequeme Impulsgeber

PP 7, Ausgabe Juni 2008, Seite 269

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Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst-Eberhard Richter zählt zu den Pionieren einer ganzheitlichen Medizin und einer modernen Psychoanalyse. Sein mutiger Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit ist mehr als vorbildlich. Foto: privat
Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst-Eberhard Richter zählt zu den Pionieren einer ganzheitlichen Medizin und einer modernen Psychoanalyse. Sein mutiger Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit ist mehr als vorbildlich. Foto: privat
Er war und ist ein Vordenker und der herrschenden Meinung immer einen Schritt voraus: Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst-Eberhard Richter (85) war einer der ersten Lehrstuhlinhaber für das Fach Psychosomatik. Seine humane und ganzheitliche Auffassung der ärztlichen Tätigkeit war damals alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Mit seinen politischen, psychologischen und philosophischen Publikationen fand er nicht nur in Fachkreisen Beachtung, sondern hat ein breites Publikum erreicht. Vorbildlich ist sein Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden. Er ist Mitbegründer der deutschen Sektion der Initiative „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ (IPPNW).

Richter wurde am 28. April 1923 in Berlin als Sohn des Ingenieurs Otto Richter geboren. Als 18-Jähriger wurde er zum Militär eingezogen und diente an der Front in Russland. Nach dem Krieg geriet er in Kriegsgefangenschaft. Erst bei seiner Rückkehr nach Deutschland erfuhr er, dass seine Eltern zwei Monate nach Kriegsende bei einem Spaziergang von zwei betrunkenen Russen erstochen worden waren. Auf sich allein gestellt studierte Richter in Berlin Humanmedizin, Psychologie und Philosophie. Nachdem er 1949 das Studium abgeschlossen hatte und zum Dr. phil. promoviert worden war, absolvierte er eine Ausbildung am Berliner Psychoanalytischen Institut. Zudem war er seit 1952 leitender Arzt der Beratungs- und Forschungsstelle für seelische Störungen im Kindesalter am Kinderkrankenhaus im Berliner Arbeiterviertel Wedding. Nach Beendigung der Ausbildung zum Psychoanalytiker arbeitete er an der Neurologischen und Psychiatrischen Klinik der Freien Universität Berlin – zunächst als Assistenzarzt, dann als Oberarzt. 1957 wurde er zum Dr. med. promoviert. Von 1959 bis 1962 leitete er das Berliner Psychoanalytische Institut.

Richter ist Wegbereiter der psychoanalytischen Familientherapie. Das von ihm entwickelte Konzept von unbewussten Konflikten zwischen Eltern und Kind als Hintergrund kindlicher Störung gilt als wesentliche Ergänzung zu Freuds Theorie. Mit dem Standardwerk „Eltern, Kind und Neurose“ hat er bleibenden Einfluss ausgeübt. 1962 wurde er auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Gießen berufen und mit dem Aufbau einer psychosomatischen Klinik betraut. Unter seiner Federführung entstand ein interdisziplinäres Zentrum mit Abteilungen für Klinische Psychosomatik, Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, das Modellcharakter hatte. Bis zu seiner Emeritierung 1991 war er Direktor der Gießener Einrichtung. Von 1992 bis 2002 leitete er das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut.

Richter plädierte für eine neue Arzt-Patienten-Beziehung, die auch ein neues Arztbild implizierte: Der Arzt solle nicht der unfehlbare Superexperte sein, denn mit diesem Anspruch bediene er lediglich eine irrationale Technik- und Fortschrittsgläubigkeit und leugne die Grenzen der Medizin. Der Arzt überfordere sich außerdem mit diesem nicht erfüllbaren Auftrag. Richter forderte, dass der Arzt nicht als Held, sondern als empathischer Heiler auftreten solle.

Kaum ein Psychoanalytiker hat sich so weit in die Sozial-psychologie und die Politik gewagt wie er. Sein kulturpsychologisch-psychoanalytisches Hauptwerk ist „Der Gotteskomplex“ (1979). Richter sah die Psychoanalyse stets in einem gesellschaftlichen Kontext. Folgerichtig engagierte er sich in der Friedensbewegung. Mit „Alle redeten vom Frieden“ wurde er 1981 eine Leitfigur dieser Bewegung. Er zählt zu den Gründern der deutschen Sektion der Initiative IPPNW. In der „Frankfurter Erklärung“ verweigerten die Unterzeichner jede kriegsmedizinische Fortbildung. Sie wollten die Bevölkerung darüber aufklären, dass die Folgen einer nuklearen Katastrophe medizinisch nicht zu beherrschen seien. Bis heute ist Richter im IPPNW-Vorstand aktiv. Darüber hinaus engagiert er sich in der Anti-Globalisierungskampagne „attac“.
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