ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2008Joseph Beuys: Verdammer mit immer gleicher Melodie
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LNSLNS Gerade will ich Sie beglückwünschen zur Reihe Kunst+Psyche und insbesondere Ihre Auswahl von Fast-schon-Klassikern als gelungen würdigen, da lässt der Leserbrief von Prof. Reimer mich stutzen.
Wenn (für mich) wirklich etwas überflüssig ist an aktueller Kunst, dann ist es der nie pausierende Chor der Verdammer mit seiner immer gleichen Melodie: Kunst kommt von Können, das da kann ich auch, es ist nur lukrative Publikumsvera . . . etc. pp. Prof. Reimer variiert die Melodie geringfügig und kommt wegen der Gebrauchsgegenständlichkeit des fraglichen Kunstwerks zu einem apodiktischen Urteil, dass es nicht Kunst sein kann. Eine ganze Traditionslinie der Moderne, die mit Duchamps zu Beginn des 20. Jahrhundert beginnt, wird so gekappt.
Nachkriegskunst verstört oft, wo die Klassische Moderne längst eingemeindet und postergeeignet gut verdaulich erscheint.
Heutige Kunst changiert, provoziert aktuell gerade die Gebildeten gerne, tarnt sich, kommt mal blöde daher und ist auch mal aufgeblasen. Sie ist auch oft banal in ihren Erklärungen (Beuys: „Wir sind alle Künstler“.) und völlig überzogen in ihrem Programm. Sie entsteht zum Gutteil im Auge des Betrachters und verlangt Reflexion, mehr auf jeden Fall als akklamatives Wiedererkennen. Sie geht ganz und gar nicht in ihrer objektiven Gegenständlichkeit auf. Oft ist sie uns allen voraus. Wie kommt dann jemand zum Urteil, diese Art Kunst verlange „hemmungsloses Deuten“, und wie kommt er zum Richterspruch, dass dies oder jenes nicht Kunst sein kann? Vom Produktionsprozess her zu argumentieren geht heute (in der Kunstwissenschaft) nun wirklich nicht mehr.
Prof. Reimer weist darauf hin, wie manipulierbar das Publikum ist (was im Übrigen eine der wesenstlichsten Auseinandersetzungsebenen heutiger Kunstbetrachtung ist) und setzt diesem Publikum selbst ein knallhartes Urteil vor, das wir nun glauben sollen. Ich komme ganz gut aus mit der Ambiguität, ein mir begegnendes „Kunstwerk“ mal so und mal anders zu erleben.
Wenn es endlich in die vorbereitete Schublade passt und gewissermaßen ICD-mäßig verortet ist, fängt es an, langweilig zu werden. Ich hoffe die Reihe Kunst+Psyche beschert uns noch einiges Staunenswertes, bei dem wir uns fragen dürfen, ob es Kunst ist und was es mit uns macht.
Dr. Lothar Wittmann, Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Supervisor, Praxis Medemspeicher, Medemstraße 7, 21762 Otterndorf
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