ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2008Psychoedukation: Informativ und engagiert

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Psychoedukation: Informativ und engagiert

PP 7, Ausgabe Juni 2008, Seite 278

Möhlenkamp, Gerd

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Das Buch ist ein Konsensuspapier der 1996 gegründeten Arbeitsgruppe „Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen“, an dem 35 Experten mitgearbeitet haben. Das Ziel der Arbeitsgruppe ist es, psychoedukative Gruppenarbeit noch mehr als bisher in der Routinetherapie zu verankern. Derzeit nehmen etwa 25 Prozent der schizophren erkrankten Patienten während der stationären Therapie an solchen Gruppen teil. Zu Recht wird betont, dass es nicht nur im stationären Setting, sondern vor allem im ambulanten Bereich noch viel zu tun gibt, um allen Patienten und ihren Angehörigen in systematischer Weise das notwendige Wissen über die Krankheit und ihre Behandlung zu vermitteln.
Das Buch informiert in seinem ersten Teil über die allgemein anerkannten Standards und Inhalte psychoedukativer Hilfen. Im zweiten Teil wird auf spezielle Aspekte vertiefend eingegangen. Das thematische Spektrum der Vertiefungskapitel reicht von Konzepten für spezielle Untergruppen wie Ersterkrankte oder Doppeldiagnose-Patienten über forschungsbezogene Abschnitte bis hin zu Randbereichen wie Psychotherapie, Selbsthilfe und Anti-Stigma-Kampagnen. Verschiedene lokale Modellprojekte werden vorgestellt, unter anderem das Münchener Modell, das über die Möglichkeiten von Psychoedukation im Rahmen der integrierten Versorgung aufklärt. Anregend ist auch ein Kapitel über die Verwendung von Metaphern bei der Vermittlung zentraler psychoedukativer Themen – ein Kontrapunkt zu den üblichen mit Fachjargon überlasteten currikularen Inhalten – und last not least ein Erfahrungsbericht über „Peer-to-Peer“-Psychoedukation, ein zukunftsweisendes bayrisches Projekt, in dem erfahrene und besonders geschulte Patienten und Angehörige die Rolle von Moderatoren und Gruppenleitern übernehmen.
Kritisch anzumerken bleibt die in einigen Kapiteln festzustellende Tendenz, den Unterschied von Psychoedukation und Psychotherapie zu nivellieren. Trotz unbestrittener Schnittstellen, insbesondere zur Verhaltenstherapie, bleibt die kategoriale Unterscheidung zwischen einer schwerpunktmäßig allgemeinen Wissensvermittlung und einem subjektbezogenen Verstehens- und Bewältigungszugang zum Trauma Psychose sinnvoll. Wenn an Schizophrenie erkrankte Menschen und auch Experten mehr psychotherapeutische Hilfsangebote fordern, sollte nicht der Eindruck erweckt werden, diesem Anspruch sei mit psychoedukativen Interventionen schon Genüge getan.
Insgesamt ein sehr informatives und engagiertes Buch – vielleicht mit einer Spur zu viel harmonisierender Konsensorientierung in einem Feld, in dem man durchaus unterschiedlicher Meinung sein darf.
Gerd Möhlenkamp

Josef Bäuml, Gabi Pitschel-Walz (Hrsg.): Psychoedukation bei schizophrenen Erkrankungen. 2. Auflage, Schattauer, Stuttgart, 2008, 392 Seiten, inkl. CD-ROM mit Arbeitsmaterialien, gebunden, 39,95 Euro
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