ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2008Alfred Adler: Neurosen und Persönlichkeit

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Alfred Adler: Neurosen und Persönlichkeit

PP 7, Ausgabe Juni 2008, Seite 278

Goddemeier, Christof

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Seit den 80er-Jahren sind wichtige Schriften Alfred Adlers im Buchhandel nicht mehr erhältlich. So darf die auf sieben Bände angelegte Studienausgabe auf eine breite Nachfrage hoffen. Der erste Band versammelt 20 Beiträge Adlers aus den Jahren 1904 bis 1912.
Als Alfred Adler 1902 von Sigmund Freud gebeten wird, sich einem kleinen Kreis anzuschließen, um Themen der Psychologie und Neuropathologie zu besprechen, ist er 32 Jahre alt. Zunächst wird er ein Schüler Freuds, doch bald hat er eigene Ideen, mit denen Freud sich auseinandersetzen muss. Adlers frühe Schriften sind sämtlich Beiträge zur Neurosen- und Persönlichkeitstheorie. Manche Aufsätze sind vorwiegend theoretischer Natur, etwa „Organminderwertigkeit“ und „Aggressionstrieb“, andere sind betont klinisch ausgerichtet und liefern ausführliche Falldarstellungen, so „Träume einer Prostituierten“, „Neurotische Disposition“ und „Trigeminusneuralgie“. Ein pädagogischer Impuls Adlers wird in „Der Arzt als Erzieher“ und „Zur Erziehung der Eltern“ deutlich. Alle Beiträge setzen sich mehr oder weniger mit Freud auseinander. Dem ganzheitlichen Menschenbild Adlers entspricht, frühzeitig den Leib in seine Neurosentheorie einzubeziehen. Während Freud psychosomatische Störungen auf psychische Erregungen und ihre Verdrängung zurückführt und als Konversionsneurosen beschreibt, geht Adler in seiner „Theorie von der Organminderwertigkeit“ von somatischen Gegebenheiten aus und fragt nach den psychischen Wirkungen, die sie verursachen.
Spätestens 1908 kommt es zwischen Freud und Adler zu Streitigkeiten über den „Aggressionstrieb“. Indem Adler diesen gleichberechtigt neben den Sexualtrieb stellt, akzeptiert er die von Freud postulierte rein sexuelle Ätiologie der Neurosen nicht mehr. Adlers Vortrag „Zur Kritik der Freudschen Sexualtheorie der Nervosität“ markiert 1911 den Bruch: „Im Allgemeinen ist es nicht möglich, die Sexualregungen des Neurotikers oder Kulturmenschen als echt zu nehmen, (. . .) geschweige sie (. . .) als den grundlegenden Faktor des gesunden oder kranken Seelenlebens (. . .) auszugeben. Sie sind niemals Ursachen, sondern bearbeitetes Material und Mittel des persönlichen Strebens.“
Adlers Begriff „männlicher Protest“ ist immer wieder Anlass für Missverständnisse. In seinem Sinn verstanden, veranlassen Unterdrückung und Geringschätzung der Frau beide Geschlechter, nicht weiblich, sondern männlich sein zu wollen. Deutlich spricht Adler sich immer wieder für die Gleichstellung der Frau aus.
Jedem Beitrag Adlers ist eine Einleitung vorangestellt, die die Einordnung in sein Werk erleichtert. Inhaltlich bedeutsame, von Adler vorgenommene Änderungen vermerkt der Variantenapparat.
Christof Goddemeier

Almuth Bruder-Bezzel (Hrsg.): Alfred Adler. Persönlichkeit und neurotische Entwicklung. Frühe Schriften (1904–1912). Studienausgabe, Band 1. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2007, 291 Seiten, gebunden, 37,90 Euro
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