ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2008Jugendlichen-Psychotherapie: Gelungenes Update

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Jugendlichen-Psychotherapie: Gelungenes Update

PP 7, Ausgabe Juni 2008, Seite 279

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Dieses Buch stellt ein Update des 1986 erschienenen Buchs der Autorin dar („Psychoanalytische Therapie Jugendlicher“). Da im deutschen Sprachraum als Monografie keine vergleichbare Systematisierung neueren Datums vorliegt, verdient dieses Unterfangen besondere Beachtung.
Es erfolgt zunächst eine kritische Sichtung älterer (Sigmund und Anna Freud, Erikson und ausführlicher Peter Blos), sodann ichpsychologischer, objektbeziehungstheoretischer sowie selbstpsychologischer Konzeptualisierungen der Adoleszenz. Deutlich wird hierbei, dass die Sicht der Adoleszenz als primär krisenhafte (psychosexuelle) Lebensphase mit festgelegten Subphasen angesichts neuer entwicklungspsychologischer Befunde überholt scheint und man sich im Grunde wieder dem Entwicklungslinien-Modell von Anna Freud annähert. Zu dieser „Entpathologisierung“ der Adoleszenz und der Hinwendung zu einer Ressourcenbetonung hat nicht zuletzt die Rezeption der Bindungstheorie beigetragen.
Die Autorin skizziert die dramatischen Veränderungen, denen die Erlebniswelt Jugendlicher in den letzten Jahrzehnten unterliegt: Dies hat veränderte (funktionell defizitäre) intrapsychische Strukturgegebenheiten bewirkt und insofern auch zu einem Morbiditätswandel geführt, der seinerseits therapiestrategische Umstellungen erforderlich machte. Die verstärkte Anerkennung äußerer Einflüsse auf die Psychogenese hat die gesamte Psychoanalyse in den letzten Jahren umgekrempelt. Diese „Realitätswende“ musste folgerichtig auch das Konzept der Behandlung Jugendlicher erfassen. Letztlich ist das Buch Ausdruck dieses Vorgangs. Folgerichtig liegt ein Schwergewicht in der präsentierten Kasuistik auch auf Fällen, in denen biografischen Belastungs- ebenso wie protektiven Faktoren oft eine wesentliche Rolle zukommt.
Ausführlich werden die Besonderheiten des diagnostischen Prozesses bei Jugendlichen erörtert; diagnostische Hilfen werden vorgestellt. Ein Kaleidoskop typischer adoleszenter Störungsbilder schließt sich an, die in ihrer Ätiopathogenese oft das Zusammenwirken früher, erheblicher Stressoren und aktueller Entwicklungskonflikte aufweisen. Das anschließende Kapitel beleuchtet die in der Behandlung Jugendlicher erforderlichen technischen Kompetenzen, sowohl in ihrer fachhistorisch sehr kontroversen Entwicklung (Freud-Klein-Kontroverse) als auch in ihrer gegenwärtigen Ausprägung (analytisches versus tiefenpsychologisches Verfahren). Sehr aufschlussreich ist der Abschnitt darüber, was einen „hinreichend guten“ Jugendlichentherapeuten ausmacht. Am interessantesten und technisch lehrreichsten – insbesondere für therapeutische „Novizen“ – ist jedoch das Kapitel über die „Herausforderungen in der Jugendlichenbehandlung“ und die begleitende Elternarbeit. Flexibilität in der Handhabung des Settings ist oft geboten. In der Jugendlichentherapie gilt dies in besonderem Maß. Das anschließende Kapitel liefert eine gute Übersicht zu den verschiedenen Settings. Abschließend werden vorliegende Wirksamkeitsstudien diskutiert.
Insgesamt ein sehr gelungenes Update zum gegenwärtigen Stand der Jugendlichen-Psychotherapie. Es sei nicht nur dem Ausbildungskandidaten als „must“, sondern auch dem erfahrenen Kliniker empfohlen, der sich einen gut lesbaren Überblick verschaffen will über fachhistorische Entwicklungslinien und zum gegenwärtigen Stand der Forschung. Michael Naumann-Lenzen

Inge Seiffge-Krenke: Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Therapie mit Jugendlichen. Klett-Cotta, Stuttgart, 2007, 422 Seiten, gebunden, 34 Euro
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