ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2008Alice Miller: Das Recht zu hassen

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Alice Miller: Das Recht zu hassen

PP 7, Ausgabe Juni 2008, Seite 280

Kattermann, Vera

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Die Botschaft, die Alice Miller unermüdlich seit mehr als 20 Jahren verbreitet, ist so schlicht wie eingängig: Wer als Kind von seinen Eltern vernachlässigt, gedemütigt oder geschlagen, also misshandelt wurde, hat ein Recht darauf, sie zu hassen, und zwar ein Leben lang. Ansprüche auf Versöhnung oder Versöhnlichkeit sind fehl am Platz und zeugen beim „Befolgen“ von tragischem Selbstverrat, nämlich von der fortgesetzten Unterwerfung unter die einstigen Aggressoren. Wer umgekehrt seinen Hass nicht an die (einst misshandelnde) Mutter oder den (einst misshandelnden) Vater bringen kann, wird krank an Körper und Seele.
Dies ist auch die Kernthese der in dem Band versammelten Aufsätze, Interviews und Antworten der Autorin auf ihre Leserzuschriften. Als Leserin und psychotherapeutisch Tätige folge ich ihr aber auch in diesem neu erschienenen Band mit gemischten Gefühlen. Einerseits macht sich hier erneut eine Stimme stark, die dem vielfach anzutreffenden therapeutischen Kanon der Harmonisierung oder Zivilisierung von sperrigen, unbequemen Gefühlen entgegenläuft. Der in Millers Botschaft implizite Aufruf zu therapeutischem (und letztlich dann ja auch politischem) Ungehorsam wirkt erfrischend und belebend für die Auseinandersetzung um die impliziten Ziele und Menschenbilder der therapeutisch Tätigen. Im Mainstream einer oft anzutreffenden „Versöhnungspädagogik“ erlebe ich Millers Gedanken als ein willkommenes Angebot zur Ausweitung des Denkspielraums.
Andererseits aber wird eine flache, pauschalisierende und undifferenzierte Argumentation nicht dadurch überzeugender oder wahrer, dass man sie stereotyp in mannigfachen Publikationen wiederholt. Das Unbehagen beim Lesen betrifft weniger die Botschaft selbst als vielmehr die verbitterte und holzschnitt-artige Emphase, mit der sie vorgetragen wird und die zu keinerlei Schattierungen oder Differenzierungen fähig scheint. Dabei wissen wir von uns selbst wie auch von unseren Patienten um die Komplexität, Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit der Beziehung zu den Eltern. Wir wissen um die umfassenden Spektren von psychischem und physischem Missbrauch, die zum Teil nur im Kleinen, zum Teil sehr dramatisch, zum Teil sehr subtil ausfallen können und die in ihrer Legierung mit den elterlichen Beziehungsstilen nach sehr unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzung suchen.
Sicherlich: Das Recht zu hassen, sollte vehement verteidigt werden. Aus meiner Sicht kann es aber ebenso befreiende wie fesselnde Qualitäten haben, nämlich dann, wenn der Selbstentwurf einer Identität als Opfer alle anderen Seins- und Beziehungsmöglichkeiten überlagert. Insofern ist dieses Buch nur eingeschränkt zu empfehlen: jenen, die Millers These noch gar nicht kennen, jenen, die nicht genug davon lesen können, und jenen, die sich an pauschalisierenden Argumentationen nicht stören. Vera Kattermann

Alice Miller: Dein gerettetes Leben. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2007, 316 Seiten, gebunden, Schutzumschlag, 19,90 Euro
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