ArchivDeutsches Ärzteblatt PP6/2008„Schmetterling und Taucherglocke“: Viel Wahres über Leben und Tod

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„Schmetterling und Taucherglocke“: Viel Wahres über Leben und Tod

PP 7, Ausgabe Juni 2008, Seite 281

Erbguth, Frank

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Nach ihrer Häufigkeit in der französischen Sprache werden Bauby von seiner Sekretärin Henriette Durand (Marie-Josée Croze) Buchstaben vorgelesen. Foto: Prokino Filmverleih
Nach ihrer Häufigkeit in der französischen Sprache werden Bauby von seiner Sekretärin Henriette Durand (Marie-Josée Croze) Buchstaben vorgelesen. Foto: Prokino Filmverleih
Julian Schnabels meisterhafter Film über das Entkommen aus dem „Locked-in-Syndrom“

In den ersten Bildern des Films erscheinen aus einem Schwarz hell aufgeblendete unscharfe Nebel. Daraus entwickeln sich für den gerade aus dem Koma erwachenden Jean-Dominique Bauby flackernde Konturen der Pfleger und des Neurologen. Der Neurologe erklärt Bauby mehr oder weniger einfühlsam, dass er einen Schlaganfall im Gehirnstamm erlitten habe und dadurch fast vollständig gelähmt sei, dass er nicht reden und sich nicht bewegen könne. Lediglich das linke Auge und der Lidschlag können noch bewusst gesteuert werden. Das Großhirn und damit das Denken sind vollständig intakt.

Der Film greift auf eine wahre Biografie zurück: Der von diesem Schicksalsschlag im Alter von 43 Jahren getroffene Jean-Dominique Bauby war als Chefredakteur der französischen Modezeitschrift „Elle“ ein Erfolgsmensch in einer oberflächlichen Welt des Luxus und Glamours. Nachdem er 1995 einen Hirnstamminfarkt erlitten hatte, ist es ihm gelungen, mittels eines Lidschlag-Codes innerhalb von 14 Monaten das Erleben seiner Erkrankung und seine Sicht der Dinge zu diktieren. 1997 erschien „Schmetterling und Taucherglocke“; wenige Tage nach dem Erscheinen des Buches war Bauby an den Folgen seiner Erkrankung gestorben. Als ich damals das Buch in meiner Funktion als Oberarzt einer neurologischen Intensivstation las, hat es mich nachhaltig beeindruckt – aber ich hielt den Stoff für absolut unverfilmbar. Nun wurde ich mit der faszinierenden Filmversion des New Yorker Malers und Regisseurs Julian Schnabel eines Besseren belehrt. Entstanden ist mit den grandios agierenden Schauspielern kraftvolles, authentisches und ergreifendes Kino.

Nichts Depressives oder Rührseliges
Als Zuschauer bleibt man weitgehend in der Blickperspektive Baubys. Nach fast einer Stunde erst verlässt die Kameraführung Baubys Perspektive und geht nach draußen – aber man merkt diesen Perspektivenwechsel kaum und schlüpft erstaunlich gern wieder zurück in das kommentierende eingesperrte Gehirn im beschädigten Körper.

Die Filmbilder machen das trotzige Durchhaltevermögen Baubys beim Diktieren spürbar: Ihm werden gebetsmühlenartig die Buchstaben nach ihrer Häufigkeit in der (französisch-)sprachlichen Verwendung vorgelesen: E-S-A-R-I-N-T. Mit dem Zwinkern bestätigt er einen zutreffenden Buchstaben. Über mehr als ein Jahr entsteht eine ganz enge und sensible Beziehung zwischen dem Diktierenden und seiner Spezial-Sekretärin. Der Film enthält durch die Gedanken Baubys viel Wahres über Leben und Tod; als Flügelschlag eines Schmetterlings empfindet Bauby seine unbegrenzten Gedanken und Fantasien, die ihn immer wieder aus der beengenden Taucherglocke seines Zustands befreien. Obwohl der Film jeden Zuschauer sehr berühren dürfte, enthält er doch nichts Depressives oder Rührseliges. Oft scheinen Humor, Ironie und Lebenslust auf.

Bauby kann seinem schlimmen Zustand nach einiger Zeit auch Positives abgewinnen. Anfangs aber möchte er einfach nur sterben, um seinem Zustand zu entrinnen. Doch dann entdeckt er die kleinen schönen unwiederbringlichen Momente des Alltags, die sonst im Getümmel des Lebens und während der oberflächlich verlebten Zeit unentdeckt bleiben. Mir ging durch den Kopf, ob Baubys anfänglicher Wunsch nach Sterben heutzutage in „Zeiten der Patientenautonomie“ vielleicht dazu führen würde, dass er diese erste depressive Phase seiner Erkrankung nicht überleben würde, weil er nicht mehr weiterbehandelt würde und dann sein wertvoller Bericht nie zustande käme.
Dipl.-Psych. Prof. Dr. med. Frank Erbguth
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