ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2008S3-Leitlinien im Deutschen Ärzteblatt

MEDIZIN: Editorial

S3-Leitlinien im Deutschen Ärzteblatt

Clinical Practice Guidelines in Deutsches Ärzteblatt

Dtsch Arztebl 2008; 105(24): 423; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0423

Baethge, Christopher

Zu dem Beitrag: „Nicht invasive Beatmung bei respiratorischer Insuffizienz“ von Schönhofer, Kuhlen, Neumann, Westhoff, Berndt und Sitter auf den folgenden Seiten
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LNSLNS Mit dem Artikel von Schönhofer et al. zur nicht invasiven Beatmung kommt es auf den folgenden Seiten zu einer Premiere im Deutschen Ärzteblatt: In unserer neuen Rubrik „Klinische Leitlinie“ drucken wir eine S3-Leitlinie in Kurzform ab.

Das Deutsche Ärzteblatt reagiert damit auf eine Veränderung in der medizinischen Kultur, die sich mit der Veröffentlichung von Leitlinien entwickelt hat – in Deutschland vor allem während der vergangenen zehn Jahre. Auch vor dem Zeitalter der Leitlinien bestand für wissenschaftlich orientierte Ärzte die Notwendigkeit, ihre therapeutischen Empfehlungen zu begründen. Gerade die S3-Leitlinien gehen jedoch über viele der bisherigen Versuche hinaus, therapeutisches Wissen systematisch zusammenzufassen.

Mehr als eine normale Übersichtsarbeit
Im Sinne der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) sind Leitlinien „systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen“, die auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren beruhen.

Im Fall von S3-Leitlinien, der höchsten Qualitätsstufe, bedeutet systematische Entwicklung: Erstens ist die Leitlinie von einem repräsentativen Gremium erstellt worden, zweitens beruhen die Aussagen auf einer systematischen Analyse der vorhandenen wissenschaftlichen Evidenz und drittens sind sie im Rahmen einer strukturierten Konsensfindung (1) des repräsentativen Gremiums verabschiedet worden.
Für die in Kurzform abgedruckten Leitlinien in diesem Heft etwa bedeutete dies die Bildung eines Gremium aus 30 Experten, das 12 Fachgesellschaften und Verbände repräsentierte, um alle beteiligten Gruppen einzubeziehen. Die Experten haben in einer systematischen Literaturrecherche mehr als 2 900 Literaturstellen nach zuvor festgelegten Kriterien geprüft und schließlich etwa 240 Artikel in einem standardisierten Verfahren ausgewertet. Die Leitlinie wurde im Rahmen von zwei Konferenzen unter AWMF-Moderation im Sinne einer strukturierten Konsensfindung verabschiedet. Dabei floss nicht nur die ermittelte Evidenz ein, sondern auch die praktische Erfahrung der Experten.

Es ist leicht vorstellbar, welche intellektuelle, logistische und ab und an vielleicht auch nervliche Anstrengung die Erstellung einer S3-Leitlinie bedeutet. Die Kosten für eine S3-Leitlinie können nach Angabe von Ina Kopp, der stellvertretenden Vorsitzenden der ständigen Kommission Leitlinien der AWMF, durchaus 150 000 bis 300 000 Euro betragen – Mittel, die die beteiligten Fachgesellschaften aufbringen müssen. Dieser Aufwand erklärt auch, warum in den letzten zehn Jahren erst 52 S3-Leitlinien erstellt wurden, während auf der zentralen Internet-Seite der AWMF für Leitlinien (www.leitlinien.net) 819 der weniger aufwendigen S1- und S2-Leitlinien einsehbar sind.

So valide die Empfehlungen von Leitlinien nach systematischer Evidenzanalyse und strukturierter Konsensfindung auch sein mögen: Leitlinien sind keine Gesetzestafeln, und sie führen nicht in die „Kochbuch-Medizin“. Jeder Arzt muss die Leitlinie auf das konkrete Problem seines Patienten anwenden. Selbst die Langversion einer Leitlinie, die leicht mehr als 100 Seiten umfassen kann, vermag nicht jede klinische Fragestellung zu beantworten. Leitlinien sind nicht rechtlich bindend für den Arzt, sie begründen weder eine rechtliche Haftung, noch befreien sie davon.

Das Deutsche Ärzteblatt hofft, seinen Lesern mit den Leitlinien wichtige Informationen zu präsentieren. Für Autoren von S3-Leitlinien besteht daher die Möglichkeit, eine Kurzform einzureichen. Wegen des sorgfältigen Evaluationsprozesses und des breiten Konsenses bei der Erstellung von S3-Leitlinien verzichtet die Redaktion auf eine Begutachtung. Allerdings besteht kein Automatismus zwischen der Erstellung einer Leitlinie und der Veröffentlichung im Deutschen Ärzteblatt: Das Thema könnte etwa zu speziell sein. Auch kann das Deutsche Ärzteblatt keine Kurzformen von Leitlinien abdrucken, die bereits als Kurz- oder Langversion in anderen Zeitschriften erschienen sind. Es ist sinnvoll, im Rahmen der Leitlinienerstellung frühzeitig mit der Redaktion Kontakt aufzunehmen, sollten die Autoren und Fachgesellschaften an einer Veröffentlichung in der Rubrik „Klinische Leitlinie“ des Deutschen Ärzteblattes interessiert sein.

Interessenkonflikt
Der Autor leitet die Medizinisch-Wissenschaftliche Redaktion des Deutschen Ärzteblattes.

PD Dr. med. Christopher Baethge
Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion
E-Mail: baethge@aerzteblatt.de

Clinical Practice Guidelines in Deutsches Ärzteblatt

Dtsch Arztebl 2008; 105(24): 423
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0423

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
1.
Kopp IB, Selbmann HK, Koller M: Konsensusfindung in evidenzbasierten Leitlinien – vom Mythos zur rationalen Strategie. Z ärztl Fortbil Qual Gesundh wes 2007; 101: 89–95. MEDLINE
1. Kopp IB, Selbmann HK, Koller M: Konsensusfindung in evidenzbasierten Leitlinien – vom Mythos zur rationalen Strategie. Z ärztl Fortbil Qual Gesundh wes 2007; 101: 89–95. MEDLINE

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