ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2008Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung: Was ist uns die Solidargemeinschaft wert?

POLITIK: Kommentar

Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung: Was ist uns die Solidargemeinschaft wert?

Dtsch Arztebl 2008; 105(24): A-1315 / B-1135 / C-1111

Köhler, Andreas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
von Dr. med. Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung

Geschichte wiederholt sich. Diesen Eindruck könnte man jedenfalls bekommen, wenn man sich die gesundheitspolitische Diskussion allein des vergangenen Jahres anschaut. Wie viel Solidarität können wir uns leisten? Wie viel persönliche Verantwortung dürfen wir verlangen? Wo fängt das Gemeinwohl an, und wo hört die Zumutbarkeit auf? Wie viel staatliche Regulation ist nötig und wie viel Wettbewerb möglich – oder umgekehrt? Und immer wieder: Was darf es kosten?

Diese Fragen begleiten uns seit 125 Jahren. So alt wird die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) in diesem Jahr. Das ist wahrlich ein Grund zum Feiern. Aber auch einer zum Innehalten und dazu, sich über die Schlagzeilen eines Tages hinaus Gedanken über die Zukunft zu machen. Was ist uns die Solidargemeinschaft noch wert? Und wenn ich von „wert“ spreche, dann meine ich nicht allein den Preis. Denn diese grundsätzliche Frage nach dem Wert geht immer häufiger in einer reinen Diskussion der Kosten unter.

Ja, die Ärzte sind unzufrieden, und das ist noch harmlos ausgedrückt. Sie sind unzufrieden, weil sie das Gefühl haben, ihren Beruf immer weniger unter der Prämisse ausüben zu können, unter der sie ihn seinerzeit gewählt haben, nämlich „Verordnungen [zu] treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil“, wie es im Eid des Hippokrates heißt. Stattdessen müssen sie ihren Patienten erklären, warum diese eine Leistung oder ein bestimmtes Medikament nicht mehr auf Kassenrezept erhalten; sie müssen über Budgets, Rabattverträge und Regresse Rechenschaft ablegen. Ist es da noch verwunderlich, dass viele Ärzte sich in erster Linie als Sparbuchhalter und Mangelverwalter denn als Heiler sehen?

Die Geschichte der Gesundheitsgesetzgebung ist seit den Siebzigerjahren eine einzige Kette von Kostendämpfungsgesetzen. Sicher, die Herausforderungen, vor denen die GKV steht, haben sich geändert. Die Menschen werden immer älter, der Bedarf an medizinischer Betreuung und Behandlung wächst. Gleichzeitig schrumpft die Einnahmebasis, weil immer weniger junge und immer weniger in Lohn oder Gehalt stehende Menschen Beiträge zahlen. Auf der anderen Seite – und das ist eine gute Nachricht – schreitet der medizinische Fortschritt voran, was wiederum ein längeres lebenswertes Leben für viele Menschen bedeutet. Wir stehen also vor einem Dilemma: Eine höhere Lebenserwartung zieht steigenden Leistungsbedarf nach sich, während die Politik die Beitragssatzstabilität als oberstes Ziel definiert. Die Folge sind chronische Finanzierungsprobleme. Dabei haben zahlreiche Umfragen und Studien gezeigt: Die Menschen sind durchaus bereit, mehr für ihre Gesundheit zu bezahlen – wenn die Leistungen, die sie bekommen, dies rechtfertigen. Dass gute Leistungen, hohe Qualität und umfassender Service etwas kosten, kann jeder Handwerker bestätigen. (Der, nebenbei bemerkt, etwa für die Reparatur einer Waschmaschine mehr erhält als ein Arzt für eine künstliche Beatmung mit Herzmassage).

Wir müssen uns also entscheiden: Wollen wir eine flächendeckende qualitativ hochwertige wohnortnahe medizinische Versorgung für alle auch in Zukunft gewährleisten? Lautet die Antwort Ja, dann bedarf es dazu zweier Dinge: erstens einer nachhaltigen Finanzierung, die den Bedürfnissen und berechtigten Erwartungen der Menschen im wahrsten Sinne des Wortes Rechnung trägt, zweitens des Kollektivvertrags, der die Versorgung in der Fläche sicherstellt und Ärzte wie Patienten vor den wirtschaftlichen Zwängen einer einzelnen Kasse schützt. Beides, und das sage ich ganz bewusst, steht nicht für sich allein, sondern kann und soll durch private Vorsorge und zusätzliche Verträge ergänzt werden. Aber: In Deutschland besteht nach wie vor ein überwältigender gesellschaftlicher Konsens für eine solidarische Kran­ken­ver­siche­rung. Über siebzig Millionen Menschen tragen aktiv dazu bei. Was ist uns die Solidargemeinschaft wert? Diese Frage dürfen wir nicht allein der Politik überlassen. Nur die Gesellschaft im Ganzen kann sie beantworten.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema