ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2008Telemedizin: Vom Projektstatus in die Routine

POLITIK

Telemedizin: Vom Projektstatus in die Routine

Dtsch Arztebl 2008; 105(24): A-1319 / B-1139 / C-1114

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Nordrhein-Westfalen will telemedizinische Verfahren verstärkt in die Regelversorgung einbinden. Ein Telemedizinreport liefert hierzu erste Ansätze.

Mehr als eine Million Menschen in Nordrhein-Westfalen (NRW) arbeiten derzeit in der Gesundheitsbranche, und in den nächsten zehn Jahren sollen bis zu 200 000 Arbeitsplätze hinzukommen. Im Rahmen der strategischen Zielsetzung der Landesregierung, NRW als führende Gesundheitsregion zu etablieren, spielt die Telemedizin als ein Baustein der Landesinitiative „eGesundheit.nrw“ eine wichtige Rolle, wie Arndt Winterer vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW (MAGS) bei einer Expertentagung in Düsseldorf erklärte*. Ende 2007 hat das Land darüber hinaus den Förderwettbewerb „Med in.NRW – Innovative Gesundheitswirtschaft“ ausgelobt, für den bis 2011 EU-kofinanziert bis zu 70 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Einer der sechs Förderschwerpunkte sind Telematikanwendungen einschließlich Telemedizin.

An Telemedizinprojekten in NRW herrscht kein Mangel. Dennoch geht die Verbreitung telemedizinischer Anwendungen hier wie auch in anderen Bundesländern eher schleppend voran: Zahlreiche Pilotprojekte existieren als Inseln nebeneinander. Nur vereinzelt gibt es bislang über Integrationsverträge mit den gesetzlichen Krankenkassen Finanzierungsvereinbarungen für den Einsatz telemedizinischer Verfahren. Mitbedingt durch die Verzögerungen bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte fehlt eine einheitliche Sicherheitsinfrastruktur für Telemedizinanwendungen. Offene rechtliche Fragen, etwa hinsichtlich der ärztlichen Haftung, tragen ebenfalls nicht zur Verbreitung bei.

Es gelte, so Winterer, eine „telemedizinfreundliche Versorgungskultur“ zu schaffen und die Rahmenbedingungen für den Telemedizineinsatz zu optimieren. Zu den Bedingungen, die aus Sicht des MAGS dabei zu prüfen und gegebenenfalls zu verbessern sind, zählt beispielsweise die strenge Einsatzbeschränkung der Teleradiologie durch die Röntgenverordnung: Danach ist Teleradiologie stets genehmigungspflichtig und grundsätzlich nur für die Notfallversorgung vorgesehen. Auch beim Fernbehandlungsverbot müsse man in einen „konsensorientierten Dialog mit den Kammern über eine rechtssichere Interpretation“ treten, denn Telemedizin könne gesicherte Qualität im Interesse der Patientenversorgung bieten. Außerdem müssten die Vergütungssysteme angepasst werden: In der Amtlichen Gebührenordnung für Ärzte sollte es für telemedizinische Verfahren klare Vergütungsziffern geben, der Einheitliche Bewertungsmaßstab sollte „verrichtungsbezogen“ erweitert werden, ebenso der Entgeltkatalog für Krankenhäuser. So ließe sich das Telemonitoring unter die NUB-Leistungen (NUB = Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden) subsumieren, meinte Winterer.

Um zu klären, wie sich die Potenziale telemedizinischer Verfahren in die Regelversorgung der Patienten einbringen lassen und welche Hürden dabei zu überwinden sind, hat das MAGS eine Projektgruppe damit beauftragt, ein Strategiekonzept zu entwickeln. Als ein erstes Ergebnis haben die beteiligten Experten eine Bestandsaufnahme vorgenommen (Kasten) und einen Telemedizinreport für NRW vorgelegt. Darin empfehlen sie vier Maßnahmen:
- Um die Akzeptanz der Telemedizin zu fördern, müssen Fortbildungsmaßnahmen für Ärzte sowie Schulungen für Patienten ausgebaut werden.
- Telemedizinische Anbieter sollen ihre Qualität über eine Zertifizierung nach DIN/ISO 2000 nachweisen und veröffentlichen.
- Die internetgestützte Dienste- plattform Telemedizin24.de soll weiter ausgebaut werden.
- Erforderlich ist der Aufbau eines telemedizinischen Registers zur Kosten-Nutzen-Bewertung (nach dem Vorbild der klinischen Forschung).
Zusätzlich regen die Experten an, mittelfristig in NRW eine Modellregion für Telemedizin zu implementieren, in der telemedizinische Anwendungen als Routineversorgung zur Verfügung stehen.

Voraussetzung für die Aufnahme telemedizinischer Anwendungen in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung ist, dass sie sowohl medizinisch als auch ökonomisch effizient sind. Für den Einsatz der Telemedizin in der Kardiologie ist dies inzwischen nachgewiesen, daher wird dieser für Krankenkassen zunehmend interessant. So präsentierte Martin Litsch, AOK Westfalen-Lippe, die von der Kasse angebotenen Programme „Autark“ und „Herz-As“. „Autark“ ist ein telemedizinisch gestütztes, ambulantes Rehabilitationsprogramm für Patienten nach einer Koronarklappenoperation. Auf der Basis postoperativ ermittelter Ergometriewerte erhalten die Patienten einen Trainingsplan, den sie in häuslicher Umgebung unter telemedizinischer Überwachung mit einem elektronisch gesteuerten Fahrradergometer absolvieren. Bei „Herz-As“ handelt es sich um ein Telemonitoringprogramm für Patienten mit Herzinsuffizienz ab dem NYHA-Stadium II und vorherigem stationärem Aufenthalt. Der Patient übermittelt seine biometrischen Daten, wie Gewicht, Blutdruck und EKG, an ein telemedizinisches Zentrum, das bei einer drohenden Dekompensation einschreitet. An dem Anfang 2008 gestarteten Programm beteiligen sich inzwischen 90 Kardiologen, 26 Hausärzte und 102 Versicherte. Täglich kämen drei bis fünf Versicherte neu hinzu, berichtete Litsch.

Ähnlich erfolgreich hat sich auch das telekardiologische Projekt „Corbene“ zur Versorgung von Herzinsuffizienzpatienten entwickelt, das über einen Vertrag zur integrierten Versorgung inzwischen allen Versicherten der Betriebskrankenkassen in NRW zur Verfügung steht und derzeit von rund 1 500 Versicherten genutzt wird. Noch 2008 soll „Corbene“ auch im Saarland und in Berlin angeboten werden, sagte Benjamin Homberg von der Vitaphone GmbH, dem Telemedizinprovider des Projekts.
Heike E. Krüger-Brand

„Telemedizin: Strategien für NRW“, veranstaltet vom ZTG – Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen, Krefeld

Telemedizinprojekte
Beispiele für Dienste und Projekte in NRW
- Medikamentöse Einstellung der Parkinson-Krankheit mittels ambulanter videobasierter Therapie (Universitätsklinik Düsseldorf)
- Autark-Programm – „Ambulante und telemedizinisch gestützte Anschlussrehabilitation nach kardialem Ereignis“ (IFAT – Institut für angewandte Telemedizin, Bad Oeynhausen)
- Helios-Neuronet – „Teleradiologische Vernetzung in der Akutbehandlung des Schlaganfalls“
(Helios-Klinikum Wuppertal)
- Telemedizinisch durchgeführte Wundkonferenz (Evangelisches Krankenhaus Witten, Ärztliche Qualitätsgemeinschaft Witten)
- Telemedizinisch gestützte Diabetikerbetreuung
(PHTS Telemedizin, Düsseldorf)
- Corbene – Telemonitoring als Bestandteil der
Herzinsuffizienztherapie im Rahmen integrierter Versorgung (Vitaphone; BKK-Landesverband NRW)

Telemedizinreport im Internet:
www.aerzteblatt.de/plus2408
Links: www.egesundheit.nrw.de
www.telemedizin24.de
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