ArchivDeutsches Ärzteblatt24/2008Von schräg unten: Potemkin

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Potemkin

Böhmeke, Thomas

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Es gibt Dinge, die kann man sich aussuchen. Regressfreie Medikamente und erlesenen Wein, zum Beispiel. Verwandte kann man sich nicht aussuchen, von denen wird man blöderweise auch regelmäßig und ungebeten heimgesucht. Wie ich von den frechen Neffen. „Onkel Thomas, wir haben in Geschichte etwas über einen General Patomki gehört, mit so falschen Dörfern und so. Du weißt doch so viel Müll, kennst du den?!“ Ob dieser Unverfrorenheit möchte ich die beiden, begleitet von einer neffiziden Bemerkung, am liebsten wieder herauswerfen, fühle mich aber in meiner nicht medizinischen Bildung herausgefordert. Also erkläre ich: Der Sage nach ließ Feldmarschall Potemkin für die Zarin Katharina II. am Ufer der Krim Dörfer aus bemalten Kulissen errichten, um das wahre Elend der Landbevölkerung zu verbergen. Ob das tatsächlich stimmt, ist allerdings strittig, tatsächlich war Potemkin ein fähiger Gouverneur, der . . . „Onkel Thomas, warum sollen wir dieses Zeugs dann eigentlich lernen, wenn es sowieso nicht stimmt?!“ Mein lieber frecher Neffe, es handelt sich um ein Bild. Es geht einerseits um das Schönfärben dröger Realitäten, andererseits um mutwillige Irreführung. Wir Mediziner kennen uns mit diesen potemkinschen Effekten bestens aus. Ja, ich würde sogar sagen, dass wir Experten auf diesem Gebiet sind, dass der ganze Medizinbetrieb ohne diese Effekte in sich zusammensacken würde wie ein Lungenflügel beim Spannungspneumothorax. Die Neffen schauen mich wieder mit diesem „Wo-ist-der-Psychiater?“-Blick an, also muss ich weiter ausholen: Erste Bekanntschaften mit falschen Vorstellungen machen wir Mediziner, wenn wir unglaubliche Energien investieren, einen Medizinstudienplatz zu ergattern und das Studium zu bewältigen – gilt das Arztsein doch immer noch als lustvolles Pendeln zwischen karibischen Traumurlauben und Golfplätzen. Später, also hinter den Kulissen, rattert man im Hamsterrad seine 60, 70 Stunden pro Woche; statt eines ausgefüllten Berufslebens gibt’s nur DMP-Bögen. Für unsere Patienten wiederum gibt es unzählige potemkinsche Medikamente, unter Ärzten auch Placebo forte genannt. Für diese sind unsere Patienten bereit, horrende Summen zu bezahlen, weil nicht unter die GKV-Leistungspflicht fallend. Der Heilungseffekt ist umso dramatischer, je teurer die Pille ist – wer will schon zugeben, auf einen 200 Jahre alten Attrappenmaler hereingefallen zu sein. Potemkinsche Scharmützel wiederum werden gern zwischen niedergelassenen Allgemeinärzten, Fachärzten und Krankenhausärzten angezettelt, um diese gegeneinander auszuspielen. Diese Neiddebatten führen dazu, dass wir Ärzte uns hinter den Kulissen weiterhin tief zerstritten abstrampeln. „Sag mal, Onkel Thomas, dein Patomki ist ja überall“, meint der Neffe. Nein, mein lieber Neffe, Potemkin muss es heißen, nicht Patomki. Patomki heißt im Russischen Dunkelheit. Fröhlich rufen die Neffen:

„Mit des Feldmarschalls alter List macht ihr heute noch viel Mist!
In jeder Medizin, steckt er drin, keiner gibt zu, dass er drauf reingefallen ist!“ – Raus mit euch!

Dr. med. Thomas Böhmeke ist
niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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