ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2008Aufgabenverteilung der Gesundheitsberufe: Kooperative Strukturen aufbauen

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Aufgabenverteilung der Gesundheitsberufe: Kooperative Strukturen aufbauen

Dtsch Arztebl 2008; 105(25): A-1367 / B-1181 / C-1149

Gerst, Thomas

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Foto: Peter Wirtz
Foto: Peter Wirtz
Den Herausforderungen der künftigen Gesundheitsversorgung kann nur mit einem kooperativen Handeln aller Beteiligten begegnet werden.

Die Psychologischen Psychotherapeuten haben bereits vor rund einem Jahrzehnt vorgemacht, wie es geht. Das Psychotherapeutengesetz befreite sie vom Delegationsverfahren und verschaffte ihnen den direkten Zugang zum Patienten. Die Heilmittelerbringer, als da sind Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Masseure, streben mehr oder minder nun auch für sich eine Lockerung von der ärztlichen Delegation an. Die Physiotherapeuten sind bei diesen Bemühungen mit dem Pflege-Weiterentwicklungsgesetz einen wichtigen Schritt vorangekommen. Nach § 63 SGB V können sie demnächst in Modellversuchen die Auswahl und die Dauer der physikalischen Therapie bestimmen. Anders als die Pflegeberufe sind sie bei diesen Modellvorhaben nicht auf Vorgaben aus dem Gemeinsamen Bundes­aus­schuss angewiesen. Dies berichtete nicht ohne Stolz die Vorsitzende des Bundesverbandes Selbstständiger Physiotherapeuten – IFK e.V., Ute Repschläger, auf einer von ihrem Verband am 5. Juni in Berlin organisierten Tagung zum Thema „Neue Aufgabenverteilung der Gesundheitsberufe“.

Neuer Professionenmix
Für Arnd Longrée, den stellvertretenden Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Heilmittelverbände e.V. (BHV), kann dies allerdings nur den ersten Schritt darstellen. „Nun gilt es, für die Physiotherapeuten entsprechende Modellvorhaben in der Praxis zu etablieren, ihre Wirksamkeit herauszustellen, wieder im Sinne der Verbesserung der Qualität und Wirtschaftlichkeit der Versorgung, und gleichzeitig für die anderen drei durch die BHV vertretenen Berufe entsprechende Regelungen zu erwirken.“

Der Vorsitzende des Sachverständigenrats für die Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesens, Prof. Dr. rer. pol. Eberhard Wille, hält es aufgrund der demografischen Entwicklung für unausweichlich, dass die Angebotsstrukturen im Gesundheitssystem nicht mehr lange den Erfordernissen genügen werden. „Man muss sich der Auseinandersetzung um einen neuen Professionenmix bei der gesundheitlichen Versorgung stellen“, betonte Wille. Er schlug regionale Modellprojekte zur Erprobung neuer Kooperationen vor. Wo die Evaluation positive Ergebnisse aufzeige, hält er auch die dauerhafte Übertragung von bisher ärztlichen Tätigkeiten für sinnvoll. Nötig sei bei den Beteiligten die Bereitschaft zur Abgabe und Übernahme von Verantwortung. Fragen der Rechtssicherheit müssten geklärt werden. Verbesserte Kooperationsmöglichkeiten sieht Wille - bei ambulanten multiprofessionellen Teams zur Versorgung chronisch kranker und multimorbider Patienten
- beim transsektoralen Case-Management

- bei hochspezialisierten Behandlungsteams im Krankenhaus
- in umfassenden Versorgungseinrichtungen unter Einbezug aller für eine regionale Versorgung notwendigen Leistungserbringer.

Gegenseitige Anerkennung
Auch die Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Cornelia Goesmann, ist davon überzeugt, dass die Aufgaben der Zukunft im Gesundheitswesen nur durch kooperative Prozesse bewältigt werden können. „Wir müssen auch neue Wege gehen, schauen, was man noch machen kann. Wir brauchen vor allem mehr Vernetzung, mehr Ausbau kooperativer Strukturen.“ Für die Patientensicherheit sei es zwar unabdingbar, betonte Goesmann, dass der Arztvorbehalt und damit die Gesamtverantwortung für diagnostische und therapeutische Maßnahmen weiter gelten müsse. Aber: Man sollte sich jeweils konkret vor Ort Gedanken darüber machen, welche Kooperationsformen wünschenswert seien. Sie selbst könne sich sehr gut eine gemeinsam mit Heilmittelerbringern betriebene Großpraxis vorstellen, aus der heraus die umfassende Gesundheitsversorgung eines ganzen Wohnviertels erfolgt. „Wichtig ist eine gegenseitige Wertschätzung, ein gegenseitiges Anerkennen der Kompetenzen der einzelnen Gesundheitsberufe.“ Gruppenegoismen sollten hintanstehen, wenn es um den Nutzen für die Patienten gehe.
Thomas Gerst
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