ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2008Versorgungsforschung: Zu wenig Geld und zu viele ungenutzte Daten

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Versorgungsforschung: Zu wenig Geld und zu viele ungenutzte Daten

Dtsch Arztebl 2008; 105(25): A-1372 / B-1185 / C-1153

Gerst, Thomas

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Jürgen Wasem: „Wir brauchen für die Versorgungsforschung zwingend so einen Anschub, wie er für die Public-Health-Forschung vor einigen Jahren erfolgt ist.“ Foto: BVMed
Jürgen Wasem: „Wir brauchen für die Versorgungsforschung zwingend so einen Anschub, wie er für die Public-Health-Forschung vor einigen Jahren erfolgt ist.“ Foto: BVMed
Die Mittel, die derzeit für Versorgungsforschungsprojekte bereitstehen, können nur als eine Art Anschubfinanzierung verstanden werden.

Wie sieht es denn mit dem reimbursement aus?“ Die Frage danach, wie sich Investitionen in die Versorgungsforschung für die Unternehmen der Medizintechnologie überhaupt rechnen, muss dort natürlich gestellt werden. Diskutiert wurde darüber aber nur am Rande der vom Bundesverband Medizintechnologie e.V. veranstalteten Konferenz „Versorgungsforschung – Stand und Perspektiven“ am 11. Juni in Bonn. Es sei davon auszugehen, betonte der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Jürgen Wasem, Universität Duisburg-Essen, dass für Erstattungsentscheidungen in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung in Zukunft verstärkt Ergebnisse aus der Versorgungsforschung herangezogen würden. Die Pharmaindustrie würde es schon heute bedauern, ihre Studien nicht bereits vor zehn Jahren so angelegt zu haben, dass sie vor dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen bestehen könnten.

Vorstellbar sind auch positive Ergebnisse
Zudem habe man von den Ergebnissen der Versorgungsforschung nicht unbedingt Schlechtes zu erwarten. Möglicherweise würden diese zeigen, dass die Wirksamkeit einer Therapie oder einer Technologie unter Alltagsbedingungen höher sei als in einer randomisierten kontrollierten Studie. Dr. med. Karsten E. Dreinhöfer, Orthopädische Universitätsklinik Ulm, verdeutlichte, dass sich das Betätigungsfeld der Versorgungsforschung nicht einzig auf den Nachweis beschränke, dass etwa bestimmte Operationen im Krankenhaus unnötig oft durchgeführt würden. Aktuelle Forschungsdaten aus dem Ausland ließen zum Beispiel die Vermutung zu, das auch in Deutschland viele Patienten eine Hüftendoprothese bräuchten, „sie aber trotz klarer Indikation nie auch nur in die Nähe davon kommen“.

Aus der Perspektive der Medizintechnologieunternehmen bezeichnete Dr. med. Gabriela Soskuty von B. Braun Melsungen die Versorgungsforschung als eine durchaus sinnvolle Ergänzung der zuvor bereits für die Zulassung von der Industrie vorgelegten Evidenzen neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden. Die Versorgungsforschung könne bei der Beantwortung der Fragen helfen: Welchen Nutzen, welche therapeutische Konsequenz haben neue diagnostische Methoden? Wie sieht die richtige Anwendung neuer und alter Medizinprodukte und Operationsmethoden aus? Wie werden Hilfsmittel in der Praxis verwendet? Die Kosten für diese Forschung, die von gesamtgesellschaftlichen Interesse sei, könnten aber nicht von der Industrie allein getragen werden. „Notwendig ist eine interessengebundene Aufteilung der Kosten. Zum Wohl der Patienten und im Interesse eines sinnvollen medizinisch-technischen Fortschritts ist eine Beteiligung aller Interessensgruppen an dem Evaluierungsprozess notwendig.“

Auf die derzeitige unzureichende Finanzierung von Versorgungsforschung wies Prof. Dr. Bertram Häussler, Institut für Gesundheits- und Sozialforschung, hin. Die Industrie sei hier sehr wohl in der Pflicht, mehr Forschungsprojekte in Auftrag zu geben. Allerdings gebe es mit Ausnahme von der Bundes­ärzte­kammer und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung auch kaum öffentliche Auftraggeber für Versorgungsforschung. Im europäischen Ausland, etwa in Großbritannien oder verstärkt noch in den Niederlanden, treffe man in diesem Bereich auf sehr viel größeres Engagement. Dort gebe es zum Beispiel auch eine routinemäßige Überprüfung neu eingeführter Strukturen im Gesundheitswesen. Hierzulande würden Disease-Management-Programme oder diagnosebezogene Fallgruppen etabliert, ohne eine wissenschaftlich seriöse Evaluation zu ermöglichen.

Daten im Überfluss
„Sehr schöne Daten, die das Forscherherz höherschlagen lassen“ – diese bieten wohl nicht nur die Krankenhausentgeltgesetz-Daten nach § 21 SGB V, die an das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus übermittelt werden. Auch anderswo gebe es eine große Bandbreite an routinemäßig anfallenden Daten für die Versorgungsforschung, erläuterte Dr. Matthias Offermanns vom Deutschen Krankenhausinstitut. Beispielsweise könnte mit den an die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) übermittelten Daten zum Versorgungsgeschehen im Krankenhaus eine Vielzahl von Versorgungsforschungsfragen beantworten werden, wenn sie für Forschungszwecke uneingeschränkt zur Verfügung ständen. Dr. med. Oliver Boy von der BQS stellte als ein mögliches Zukunftsprojekt seines Hauses ein Endoprothesenregister vor, mit dem im Rahmen der Qualitätssicherung das Implantat selbst berücksichtigt werden könnte.
Thomas Gerst
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