ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2008Bangladesch: Hilfe für die Opfer des Wirbelsturms

THEMEN DER ZEIT

Bangladesch: Hilfe für die Opfer des Wirbelsturms

Dtsch Arztebl 2008; 105(25): A-1388 / B-1199 / C-1167

Fischer, Frank-Peter

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Fotos: Frank-Peter Fischer
Fotos: Frank-Peter Fischer
Vor einem halben Jahr verwüstete ein schwerer tropischer Wirbelsturm den Süden Bangladeschs. „Ärzte für die Dritte Welt“ leistete dort Katastrophenhilfe.

Die Schlange der Menschen ist scheinbar endlos. Bei den Überresten eines Dorfs im Mündungsdelta des Ganges stehen sie für eine warme Mahlzeit an. Streng getrennt nach Geschlecht – Bangladesch ist ein muslimisch geprägtes Land – harren sie oft stundenlang aus, bis sie an der Reihe sind, um sich die mitgebrachten Gefäße mit etwas Reis, Gemüse und Linsen füllen zu lassen. Eine Flasche Trinkwasser gibt es dazu; für eine größere Familie drei Liter, alle anderen müssen sich mit zwei Litern begnügen.

Für die meisten ist es die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas Nahrung zu bekommen. Sauberes Wasser gibt es in dieser Gegend nicht mehr, seit Mitte November 2007 der Zyklon „Sidr“ über sie hinweggefegt war. Der schwerste Wirbelsturm der letzten zwei Jahrzehnte im Golf von Bengalen hatte binnen Stunden eine Schneise der Verwüstung durch die südwestlichen Provinzen des Landes geschlagen.

Etwas abseits der großen Töpfe kauern einige Dutzend Menschen auf dem kahlen Boden vor dem großen Versorgungszelt: viele Ältere, ein paar Männer, vor allem aber Mütter mit Kindern. Einige weinen still vor sich hin, vor Müdigkeit, Erschöpfung oder Schmerzen; viele aber sitzen nur stumm und ausdruckslos da, bis sie aufgerufen werden, um von dem German Doctor untersucht und behandelt zu werden.

Bangladesch ist kein von Ausländern besonders frequentiertes Land. Während der Anblick eines Europäers schon in der Hauptstadt Dhaka einen gewissen Seltenheitswert besitzt, muss das Erscheinen eines Fremden den Menschen in den unzugänglichen Weiten des Gangesdeltas wie das Auftauchen eines Wesens von der anderen Seite des Mondes vorkommen. Für die meisten ist es die erste und wahrscheinlich auch die letzte Begegnung mit einem Fremden. Den Ort, an dem sie geboren wurden, an dem sie aufgewachsen sind, ihr mühevolles Dasein fristen und wahrscheinlich auch sterben, werden sie niemals verlassen. Sie leben wie ihre Väter, Großväter und Generationen vor ihnen. An manchen Orten existieren zwar Stromleitungen, in einigen größeren Dörfern gibt es sogar Radio oder Fernsehen. Doch der Lebensrhythmus der Menschen wird nicht von Fortschritt, technischen Errungenschaften oder dem Zeitgeist geprägt, sondern durch den Monsun, die regelmäßigen Überschwemmungen, immer wiederkehrende Naturkatastrophen und in Zukunft wohl auch durch die Folgen der globalen Erwärmung.

Der Wirbelsturm „Sidr“ hatte in der Nacht vom 16. November 2007 in weiten Teilen des Gangesdeltas binnen Stunden zahllose Häuser, Straßen, Brücken und Leitungen zerstört sowie Felder und Ernten vernichtet. Wie viele Menschen ums Leben kamen, ist unklar; die offizielle Statistik sprach von 3 500 Opfern. Wobei die meisten nicht durch den Sturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 260 Kilometern pro Stunde umgekommen sind, sondern durch die unmittelbar danach einsetzenden Überschwemmungen. Hervorgerufen durch gewaltige Flutwellen, die aus dem Golf von Bengalen landeinwärts drängten, standen binnen Minuten ganze Landstriche unter Wasser.

Kurz nach der Katastrophe waren bengalische Mitarbeiter des Komitees „Ärzte für die Dritte Welt“, welches in den Slums der Hauptstadt ein medizinisches Hilfsprojekt unterhält, in eines der am schwersten zerstörten Gebiete der südlichen Provinzen vorgedrungen und hatten damit begonnen, eine Versorgungsstation für mehr als 3 500 Menschen aufzubauen. Finanziert wurden die Hilfsmaßnahmen durch Gelder, die das Auswärtige Amt dem Komitee zur Verfügung gestellt hatte.

Aus der Hauptstadt Dhaka wurden in Bussen und Lkw Decken, Kleidung, Kochgeschirr, Lampen oder Lebensmittel herangeschafft und an die notleidende Bevölkerung verteilt. Die Menschen, die es in der Vergangenheit immer wieder erlebt hatten, dass ihnen die Natur alles genommen hatte, begannen in der Zwischenzeit damit, die gröbsten Folgen der Katastrophe zu beseitigen. Doch die Auswirkungen des Wirbelsturms werden noch lange zu spüren sein. Viele Brücken, Straßen oder Leitungen sind zerstört, das Grundwasser versalzen, die Böden unfruchtbar, und die Flüsse, Kanäle oder Tümpel haben sich in schwarze, faulige Kloaken verwandelt.

Bis zu 100 Patienten täglich versorgten die Mitarbeiter von „Ärzte für die Dritte Welt“ in ihrem Zelt.
Bis zu 100 Patienten täglich versorgten die Mitarbeiter von „Ärzte für die Dritte Welt“ in ihrem Zelt.
Im Versorgungscamp wurde fast rund um die Uhr gearbeitet; geschlafen und gegessen wurde gemeinsam auf dem Boden in dem großen Zelt, das am Straßenrand zwischen umgestürzten Bäumen und zerstörten Hütten errichtet worden war. Im hinteren Teil des Zeltes war mittels Plastikplanen auf Augenhöhe ein kleiner Bereich abgetrennt worden. Nachts diente er als Schlafstätte; tagsüber wurden dort zwischen Lebensmittelvorräten, Hilfsgütern und Medikamentenkisten die Patienten untersucht und behandelt.

Für die medizinische Versorgung wurde ein Arzt des Komitees aus dem weiter laufenden Slumprojekt in Dhaka abgezogen, um vor Ort die Behandlung der Patienten sicherzustellen. Das Spektrum der Erkrankungen umfasste alle Bereiche der internistischen, chirurgischen und pädiatrischen Medizin, wobei akute Infektionen des Respirationstrakts, des Magen-Darm-Trakts, Parasitenbefall, Mangelerkrankungen sowie chirurgische Krankheitsbilder im Vordergrund standen. Viele Patienten kamen mit Prellungen, Frakturen und oftmals älteren, infizierten oder schlecht heilenden Wunden. Wenn der Nachschub der Medikamente ins Stocken geraten war, mussten oftmals Wundbehandlungen, Repositionen oder Abszessspaltungen auch ohne Narkose vorgenommen werden.

Unter den bis zu 100 Patienten, die täglich behandelt wurden, war auch eine hohe Zahl psychisch schwer traumatisierter Menschen. Kinder, die zu Waisen geworden waren, oder Mütter, die eines oder mehrere Kinder verloren hatten, saßen oft scheinbar versunken da und äußerten nur zögerlich diffuse und manchmal schwer fassbare Beschwerden.

Das Engagement des Komitees „Ärzte für die Dritte Welt“ in dem Notstandsgebiet war von Beginn an auf einen Zeitraum von vier Wochen begrenzt. Obwohl in dieser Zeit keine größeren Epidemien oder Seuchen auftraten, dürfte die Rate der Erkrankungen, die durch mangelnde Hygiene oder unzureichende Ernährung verursacht werden, seither wieder steigen: Der nächste Arzt ist weit weg, die Medikamente sind großenteils unerschwinglich, und die Menschen werden erst dann ärztliche Hilfe aufsuchen, wenn sie nicht mehr anders können. Informationen: www. aerzte3welt.de.
Dr. med. Frank-Peter Fischer
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