ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2008Telematik: Widerstand leisten
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Niemand wird glauben, dass Krankenkassen und Ge­sund­heits­mi­nis­terium mal eben einige Milliarden investieren, nur um 80 Millionen Versicherten den Service einer eigenen „elektronischen Patientenakte“ zu bieten. Auch als freundlicher Service für Ärzte erscheint das unwahrscheinlich. Die elektronische Patientenakte zur medizinischen Totalerfassung aller 80 Millionen gesetzlich und privat Versicherten in Deutschland ist das große Ziel, die geplante Einführung der „elektronischen Gesundheitskarte“ (eGK) nur der Einstieg ins System. Die Gefahren von unvollständig gesicherten Daten in den USA werden von der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) sehr richtig gesehen. Was aber in den USA gefährlich ist, ist in Deutschland nicht auf einmal ungefährlich. Die BÄK verweist zudem auf die Begehrlichkeiten der Krankenkassen bei geplanten Hausarztverträgen. Wenn also jetzt schon einzelne Kassen ungeniert Ärzte und Patienten zur elektronischen Patientenakte verpflichten, deren Einführung erst später nach erfolgten Feldversuchen geplant war, dann zeigt das, welch geringer Stellenwert dem informationellen Selbstbestimmungsrecht der Versicherten eingeräumt wird. Mittelfristig sollen nach dem bewährten Prinzip „divide et impera“ die Kassenärztlichen Vereinigungen entmachtet und die vereinzelten Ärztegruppen dem ökonomischen und medizinischen Diktat von Krankenkassen und Politik ausgeliefert werden. Das wird nur mithilfe der elektronischen Patientenakte funktionieren . . . Nach meiner Meinung ist es nur eine Frage der Zeit, bis aus der Freiwilligkeit die Pflicht zur lückenlosen Eingabe aller Krankheitsdaten wird. Man wird die Vollständigkeit der Angaben bei den Versicherten durch Bonus-Malus-Regelungen erkaufen oder mit Regressandrohungen erzwingen – etwa mit der Begründung, unvollständige Angaben führten zu falscher Diagnostik oder Therapie. Liegen einmal alle Befunde, Diagnosen und Therapien vollständig in den zentralen Computern vor, kann vieles automatisiert werden. Ein Krankenkassenmitarbeiter kann so z. B. feststellen, dass bei verschwiegener positiver Familienanamnese und nicht durchgeführter Vorsorgeuntersuchung die Kosten für ein zu spät entdecktes Rektumkarzinom zulasten des Patienten gehen müssen etc. . . . Die Lösung kann nur die Verhinderung der zentralen Gesundheitsdatenspeicherung der 80 Millionen Versicherten sein, egal ob unter privater oder staatlicher Aufsicht. Einmal vorhandene Daten können zwar gelöscht, aber nie vollständig beseitigt werden. Die medizinische Totalerfassung wird unumkehrbar, sobald mithilfe von eGK und elektronischer Patientenakte die Daten erst einmal erfasst sind. Ärzte und Versicherte sind aufgefordert, in eigenem Interesse entschlossenen Widerstand zu leisten!
Dr. Jürgen Hölzinger, Ahrenshooper Zeile 66,
14129 Berlin
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