ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2008NS-Machtergreifung: Schon lange überfällig

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NS-Machtergreifung: Schon lange überfällig

Dtsch Arztebl 2008; 105(25): A-1391 / B-1203 / C-1171

Buchinger, Andreas

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Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der deutschen Ärzteschaft ist schon lange überfällig gewesen. Das DÄ hat sich dieses Themas – soweit ich das als Nichthistoriker beurteilen kann – in sehr guter Weise angenommen. Nicht zu verstehen ist, wie servil, untertänig und in vorauseilendem Gehorsam (!) sich die deutsche Ärzteschaft (von Ausnahmen abgesehen) den neuen Machthabern unterordnete, ja sogar billig anbot. Dieser vorauseilende deutsche Gehorsam (wohl ein Relikt aus der Kaiserzeit) plus Denunziantentum passt überhaupt nicht zu Ärzten, genauso wenig wie die Gräueltaten an Menschen durch approbierte (!) Ärzte in KZs und woanders. Allein schon die Worte und Sätze, mit denen sich Standesvertreter dem Regime unverhohlen, eiligst und völlig überflüssig andienten, stellen eine Schande in der Geschichte der deutschen Ärzteschaft dar. Es macht mich sehr traurig, dass derartig menschenvernichtende und menschenverachtende Taten von Ärzten – die ja wie alle Ärzte dem hippokratischen Eid unterworfen sind – in unserer aufgeklärten, eigentlich ja auch kultivierten und gebildeten Gesellschaft überhaupt begangen werden konnten. Es ist furchtbar, dass Ärzte anderen Ärzten – egal welcher Religion – unter dem NS-Regime ihre Arbeitsplätze eifrigst wegnahmen (als ob sie genau darauf gewartet hatten), sie erniedrigten (siehe z. B. Krankenhaus Moabit, Berlin), gegen deutsche Ärzte jüdischen Glaubens in verachtenswertester Weise intrigierten und dann die durch Gewaltanwendung frei gewordenen Stellen mit teilweise weniger befähigten (dafür „arischen“) Ärzten neu besetzten. Was ich dank DÄ lesen kann, ist auch angesichts der NS-Herrschaft der ärztlichen Berufsauffassung und der Ethik des Arztberufs diametral entgegengesetzt. Es hätte hier ein konzertierter Widerstand oder wenigstens eine insgeheime, sabotierende Untergrundarbeit gegen das Regime anstelle der servilen, vorauseilenden Unterwürfigkeit der Standesorganisationen eintreten müssen.
Dr. Andreas Buchinger, Klinik Dr. Otto Buchinger, Forstweg 39 , 31812 Bad Pyrmont
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