ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2008Studienhospital: Missachtung der wirklichen Patienten

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Studienhospital: Missachtung der wirklichen Patienten

Dtsch Arztebl 2008; 105(25): A-1392 / B-1204 / C-1172

Wichert, Peter von

Laienschauspieler bereiten Studierende auf den Alltag im Krankenhaus vor (DÄ 17/2008: „Studienhospital Münster: Alles Simulanten!“ von Dr. med. Birgit Hibbeler).
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rau Dr. Birgit Hibbeler berichtet im oben genannten Beitrag über einen Besuch im sogenannten Studienhospital in Münster, in dem Schauspieler die Studenten auf den Alltag im Krankenhaus vermeintlich vorbereiten. Der sehr gut geschriebene Artikel lässt jeden, der der studentischen Ausbildung Aufmerksamkeit geschenkt hat, ziemlich ratlos werden oder auch wütend über die Art und Weise, wie eine Universität mit der Ausbildung des medizinischen Nachwuchses umgeht. Es wird doch wirklich niemand glauben, dass Schauspieler, bei bestem Einsatz, die Gesamtkomplexität eines Krankheitsbildes demonstrieren können. Ein kranker Mensch zeigt mehr als nur seine Anamnese, sein Verhalten, seine Befunde, seine Reaktionen. Wie soll Asthma, wie eine Pneumonie, wie eine Gallenkolik oder eine rheumatoide Arthritis, um nur einige Beispiele zu nennen, in der Gesamtheit des klinischen Bildes erfahren werden können, wenn die Subjekte der Befragung gesund sind? So wichtig Anamnesen sind, allein sind sie nur ein Teilstück des diagnostischen Prozesses. Diese Art der studentischen Ausbildung ist eine Missachtung der wirklichen Patienten, wenn man glaubt, ihr Leiden in einige von Schauspielern erlernte Formeln pressen zu können. Eines der Grundprinzipien der klinischen Medizin, die notwendige Übereinstimmung von Anamnese und Befund, wird in Münster offenbar völlig negiert. Der Student lernt eben nicht, bei der Betastung des Abdomens sich die Reaktionen des Patienten anzusehen, um daraus die Schwere des Krankheitsbildes zu erkennen. Eine ganzheitliche Betrachtung von Patient und seiner Krankheit, eine der Grundvoraussetzungen einer humanen Medizin, kann so nicht geübt werden, mehr noch, es könnte bei den Studierenden der Eindruck verfestigt werden, auf eine solche Betrachtungsweise verzichten zu können. Das Beispiel mit dem „Patienten“ mit Klappenersatz zeigt vollends die völlig abstruse didaktische Konzeption. Ein Mitralklappenersatz wäre auskultatorisch zu hören (wird aber offenbar nicht mehr gelehrt) oder könnte an der Sternotomie, mindestens als stattgehabte Operation, abzulesen sein. Es ist im Grunde auch unerträglich, wie mit dem Recht der Studenten auf eine qualifizierte Ausbildung umgegangen wird. Es ist so, als ob die Ausbildung eines Musikers an einer Spielzeugtrompete erfolgte oder die Ausbildung eines Architekten an Legosteinen. Angeblich soll die Untersuchung von „echten“ Patienten durch dieses Programm nicht vermindert worden sein, warum es dann durchgeführt wird, bleibt unerfindlich . . . Eine Verlagerung der Basisausbildung, von der wir wissen, dass sie das Verhalten und den Zugang der Studierenden zu Patienten tiefgründig prägt, in eine Theatersituation spricht von einer totalen Verkennung und Missachtung der Aufgaben der akademischen Institution . . .
Prof. Dr. Peter von Wichert,
Eppendorfer Landstraße 14, 20249 Hamburg
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