ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2008Medizingeschichte: Züricher Novellen

KULTUR

Medizingeschichte: Züricher Novellen

Dtsch Arztebl 2008; 105(25): A-1398

Gerst, Thomas

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Iris Ritzmann, Wiebke Schweer, Eberhard Wolff (Hrsg.): Innenansichten einer Ärzteschmiede. Chronos Verlag, Zürich, 2008, 240 Seiten, 20,60 Euro
Iris Ritzmann, Wiebke Schweer, Eberhard Wolff (Hrsg.): Innenansichten einer Ärzteschmiede. Chronos Verlag, Zürich, 2008, 240 Seiten, 20,60 Euro
Für den Besuch der Ausstellung des Medizinhistorischen Archivs in der Universität Zürich ist es jetzt leider zu spät. Doch es lohnt sich allemal, einen Blick in den begleitend zur Ausstellung erschienenen, reich illustrierten Sammelband, der sich einzelnen Aspekten der Geschichte des Zürcher Medizinstudiums widmet, zu werfen. So befasst sich ein Beitrag mit den Debatten um die Reform der medizinischen Ausbildung in den Jahren zwischen 1878 und 1935. Nicht viel anders als heute wurde der Diskurs bestimmt durch die Frage, ob der Vermittlung wissenschaftlicher Spezialkenntnisse oder eher praktischer Fertigkeiten der Vorzug beim Medizinstudium gegeben werden solle.

Dargestellt wird auch, wie sich Fächer und Lehrinhalte der Zeit anpassten. Das Tempo, mit dem etwa die Hypnose ausgangs des 19. Jahrhunderts in den Lehrplan aufgenommen wurde, erscheint aus heutiger Sicht innovativ. Mit ebenso großer Begeisterung nahmen Zürcher Professoren aber auch die wissenschaftlich fragwürdige Lehre der Degeneration, eine der Grundlagen des eugenischen Denkens, in ihre Lehrmittel auf. Früher als in anderen Ländern konnten Frauen in der Schweiz ein Medizinstudium beginnen – mit der Folge eines Kulturschocks für die männlichen Schweizer Studenten, die sich auf einmal insbesondere mit Zigaretten rauchenden, kurzhaarigen russischen Studentinnen, die sich nicht um die herkömmlichen geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen kümmerten, konfrontiert sahen. Ein weiterer Schwerpunkt des Sammelbands gilt der Entwicklung der Techniken der Wissensvermittlung und Visualisierung im Medizinstudium. Gezeigt wird, wie die Patienten als Anschauungsobjekte mehr und mehr durch technische Hilfsmittel ergänzt und von diesen zeitweise verdrängt wurden. Der Blick auf das Medizinstudium in einer bestimmten Epoche verrät nicht nur viel über die Medizin zu dieser Zeit, sondern auch über den Zustand der Gesellschaft allgemein. Thomas Gerst
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