ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2008Von schräg unten: Abseits

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Abseits

Dtsch Arztebl 2008; 105(26): [112]

Böhmeke, Thomas

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Die Fußballeuropameisterschaft unterwirft sich derzeit ihrem vierjährigen Regenerationszyklus, und auch ich will nicht länger im Abseits stehen und diese sportliche Spezialisierung etwas durchleuchten. Mediziner wissen kraft ihrer Ausbildung fast alles, aber – Hand aufs Herz – kennen Sie alle Feinheiten der Abseitsregel? Ich gestehe: Nein; und bemühe folglich die Primärliteratur und finde heraus, dass ein angreifender Spieler sich im selbigen befindet, wenn er sich im Moment der Ballabgabe in der gegnerischen Hälfte aufhält, der Torlinie näher als der Ball ist, höchstens noch ein gegnerischer Spieler näher an der Torlinie ist, der Ball von einem Mitspieler abgespielt wurde und er aktiv in das Spielgeschehen eingreift. Das ist für mich schwer zu verstehen, da unbewandert in der Ballspielkunst. Ich versuche, mir dies medizinisch zu erklären. Handelt es sich um eine Abseitsposition, wenn ich etwas rundes Wertvolles, sprich eine teure Pille, konsequent ihrer Bestimmung, also dem Patienten, zuspiele, also verschreibe, aber alle anderen dagegen sind und sich aus dem Spielfeld zurückziehen? Das könnte sein, weil ich in solchen Situationen meist abgepfiffen werde, obwohl ich nach bestem medizinischen Wissen und Gewissen, also nach allen Regeln der Kunst verschreibe. Sicherlich könnte eine Abseitsfalle vorliegen, wenn alle Kollegen immer weniger verschreiben; ich aber nicht, und ich deswegen im Fachgruppenvergleich auffällig werde. Vielleicht hinkt dieser Vergleich wie so viele unserer Patienten, die keine Krankengymnastik mehr verordnet bekommen können. Bei uns darf nämlich besagter Feldspieler nicht einfach weiterspielen, sondern er wird zu einer wirklich schmerzhaften Strafe, sprich Regress, verdonnert. Das Fußballspiel kennt derart unfaire Schiedsrichterentscheidungen nicht. Kein Wunder, dass den medizinischen Trainern massenhaft die Spieler davonlaufen und sich Vereine im Ausland suchen, finden und dort glücklich werden. Ein Telefonat unterbricht meine sportiven Gedankengänge, der Chefarzt einer großen kardiologischen Klinik ist in der Leitung: „Herr Böhmeke, wir haben unbesetzte Assistentenstellen, kennen Sie nicht zufällig jemanden, wir suchen dringend Verstärkung!“ Nein, es tut mir wirklich sehr leid, auch wenn ich seine missliche Situation verstehen kann. Mit nur wenigen Feldspielern auf dem Platz kann man nicht wirklich die Klasse halten. Aber ich will mein Möglichstes tun und hiermit öffentlich werben: Falls eine junge Kollegin, ein junger Kollege sich für eine kardiologische Ausbildung an einer hervorragenden Klinik interessiert, hier meine Rufnummer: 0 20 43/37 88 37.

So schlimm stecken wir mit den Assistenzarztstellen schon im Abseits. Jetzt werden die jungen Kollegen schon per Glosse gesucht.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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