ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2008Bedarfsplanung: Vor Ort ist alles anders

POLITIK

Bedarfsplanung: Vor Ort ist alles anders

Dtsch Arztebl 2008; 105(26): A-1423 / B-1229 / C-1197

Rieser, Sabine

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LNSLNS Vor 15 Jahren wurde die Bedarfsplanung neu geordnet. Nun gilt sie als überholt: Wo tatsächlich Hausärztemangel herrscht oder wie ungleich Fachärzte innerhalb einer Großstadt verteilt sind, weiß oft keiner so genau. Damit fehlt die Basis für eine zukunftsweisende Steuerung. Es gibt aber Ansätze zur Verbesserung.

Kein Augenarzt, kein Hautarzt, kein Orthopäde: Weil es in anderen Stadtteilen mehr zu verdienen gibt, kehren immer mehr Fachärzte Frankfurt-Fechenheim den Rücken“, schrieb die „Frankfurter Rundschau“ Ende 2007. Ein Redakteur hatte eine Podiumsdiskussion mit Ärzten, Politikern und aufgebrachten Bürgern besucht und die Erkenntnis mitgenommen: So ist es in Fechenheim, und dagegen kann man nichts machen.

Andere versuchen, zumindest ein bisschen was dafür zu tun, dass die Ärzte dort arbeiten, wo die Patienten sind. So haben sich beispielsweise in Thüringen die Kassenärztliche Vereinigung (KV) und die Krankenkassen vor Ort auf kleinteiligere Planungsbezirke verständigt, wenn es um Fragen der Unterversorgung geht. Die ursprüngliche Einteilung war wenig hilfreich. Was nutzt es kranken Thüringern, wenn sie in einem angeblich überversorgten Planungsbereich leben, faktisch aber bloß in der Kreisstadt und nicht im Umland genug Ärzte praktizieren?

Kaum Psychoanalytiker für Dortmunder
„Fehlsteuerungen in der Bedarfsplanung“ registrierte Mitte Juni auch Dr. med. Christoph Straub, als er über die Behandlung psychischer Störungen sprach. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Techniker-Krankenkasse monierte, dass zum Beispiel manche Vollzeitpraxissitze mit Therapeuten besetzt seien, die nur Teilzeit arbeiteten. Dies führe zu Kapazitätsengpässen und langen Wartezeiten. Straub nannte noch ein weiteres Beispiel für eine unzureichende Planung und damit Patientenversorgung: „In einigen Regionen, zum Beispiel in Süddeutschland, praktizieren sehr viele Psychoanalytiker. Dort sind auch überproportional viele unserer Versicherten in psychoanalytischer Betreuung. In und um Dortmund hingegen, wo es kaum Psychoanalytiker gibt, finden wir fast keine TK-Patienten, die eine Psychoanalyse erhalten – aber eventuell eine benötigen würden.“

Alle drei Beispiele belegen: Die Bedarfsplanung, die grundsätzlich verhindern soll, dass es an einer Stelle zu viele und an der anderen zu wenig niedergelassene Ärzte und Psychologen gibt, funktioniert nicht. Die Planungsbereiche sind zu groß oder zu eng an Landesgrenzen orientiert. Über- und Unterversorgungsquoten erscheinen willkürlich. Die alten starren Vorgaben passen außerdem nicht zu den neuen Freiheiten, die das Vertragsarztrechtänderungsgesetz Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten einräumt.

„Niemand weiß demnächst, wo welcher Arzt etwas macht“, hat es unlängst Dr. jur. Rainer Hess im Rahmen einer Euroforum-Konferenz salopp zusammengefasst. Der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses verwies auf die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen von Teilzulassungen, Halbtagsbeschäftigungen als angestellter Arzt oder der Möglichkeit, an mehreren Orten stundenweise tätig zu sein.

Trotz der vorgesehenen Arzt- und Betriebsstättennummern werde es Kassen und KVen seiner Ansicht nach künftig noch schwerer fallen, ein realistisches Bild der Versorgung zu erhalten – und damit auch, sie zu steuern. Gleichzeitig brauche man aber mehr denn je gute Planungsgrundlagen und genaue Kenntnisse über die ambulante Versorgungsstruktur in Deutschland. Denn schließlich sei geplant, die Niederlassung von Ärzten sowie die von ihnen erbrachten Leistungen viel stärker als heute durch finanzielle Anreize zu steuern.

Schnelle Lösungen sind allerdings nicht in Sicht. Denn dazu müssten sich erstens KVen und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) mit den Krankenkassen verständigen. Zweitens sollte die Politik in Gestalt der Macher in Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium sowie Bundestag und Bundesrat zu Gesetzesänderungen bereit sein. Danach sieht es derzeit jedoch nicht aus. Die umfangreichen Arbeiten an anstehenden Veränderungen, wie beispielsweise dem Gesundheitsfonds und der neuen Gebührenordnung für Vertragsärzte, absorbieren viele Kräfte. Dazu kommt die Trägheit der Großen Koalition.

Gleichwohl arbeitet die Kassenärztliche Bundesvereinigung seit einer Weile daran, die Grundlagen der Bedarfsplanung zu verbessern. „Was bislang fehlte, sind strategische Konzepte, um unter veränderten Vorzeichen die Sicherstellung der Versorgung zu organisieren“, sagt Dr. rer. pol. Thomas Kopetsch, bei der KBV zuständig für Fragen der Versorgungsplanung. Um zu erkennen, wo ein Mangel herrsche und wie er behoben werden könnte, müsste man nach seiner Ansicht viel kleinteiliger als bisher analysieren: Wo genau leben Patienten? An welchen Orten in ihrem Umfeld befinden sich Arztpraxen, und welche Kapazitäten haben sie? Wie steht es mit den Verkehrswegen, und wie gut erreichbar ist das Angebot? Auf Basis solcher Daten ließe sich dann auch viel besser als heute simulieren, an welchem Ort eine neue Praxis sinnvoll wäre, mit wie vielen Patienten ein Arzt rechnen könnte und wie sich die Neugründung auf die Kollegen auswirken würde.

KBV hat einen flexiblen Baukasten entwickelt
Kopetsch hat mit seinen Mitarbeitern einen flexiblen Baukasten für den Computer mit dem Namen „Applikation zur kleinräumigen Versorgungsanalyse“ entwickelt. Derzeit testen alle KVen, ob und wie er die Bedarfsplanung verbessern und welche Hilfe er beispielsweise für Niederlassungsberatungen sein könnte. Außerdem wirbt die KBV bei ihren Vertragspartnern und der Politik für das neue Tool.

Die Versorgung, davon ist Kopetsch überzeugt, ließe sich so besser steuern als heute. Doch andere Probleme, das weiß er wohl, bekommt man damit nicht gelöst. Dazu zählt beispielsweise die Entscheidung eines wachsenden Teils der jungen Ärztinnen und Ärzte, nicht in die Patientenversorgung zu gehen. Dennoch: Eine verbesserte Bedarfsplanung wäre sinnvoll. Denn eine wohnortnahe, patientengerechte ambulante Versorgung zu organisieren, wird in Zukunft noch schwerer werden.
Sabine Rieser
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