ArchivDeutsches Ärzteblatt26/2008Nationaler Krebsplan: Startschuss für einen mehrjährigen Prozess

POLITIK

Nationaler Krebsplan: Startschuss für einen mehrjährigen Prozess

Dtsch Arztebl 2008; 105(26): A-1431 / B-1237 / C-1205

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Politiker, Ärzte und die Deutsche Krebshilfe vereinbaren Schulterschluss bei der Krebsbekämpfung.

Noch ist es ein Lippenbekenntnis: Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG), die Deutsche Krebshilfe und die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren wollen bei der Bekämpfung von Krebs enger zusammenarbeiten. Ihr Bindeglied soll der Nationale Krebsplan sein. „Deutschland steht in der Krebsbekämpfung vor wachsenden Herausforderungen“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) bei seiner Vorstellung in Berlin. Zwar könnten viele Tumorarten dank moderner Diagnostik und Therapie inzwischen gut behandelt werden, doch weil die Menschen immer älter würden und das Krebsrisiko mit höherem Alter steige, nehme die Zahl der Neuerkrankungen weiter zu.

Die Aktion versteht sich als Fortsetzung des 1979 initiierten „Gesamtprogramms zur Krebsbekämpfung“ und soll eine langjährige Perspektive haben. In der ersten Phase der Jahre 2009/2010 werden vier Bereiche in Angriff genommen:
1. die Krebsfrüherkennung
2. die onkologischen Versorgungsstrukturen und deren Qualitätssicherung
3. die Sicherstellung einer effizienten onkologischen Arzneimitteltherapie und
4. die Stärkung der Patientenorientierung.

Die Zeit für ein konzertiertes Handeln drängt: In Deutschland wird inzwischen im Schnitt fast jede Minute die Diagnose Krebs gestellt. Nach den jüngsten Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) erkrankten 2004 rund 436 500 Menschen an Krebs (230 500 Männer, 206 000 Frauen). Die Überlebenschancen der Betroffenen würden deutlich verbessert, wenn die Bevölkerung die Früherkennungsangebote der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung häufiger nutzen würden, sagte der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, Prof. Dr. med. Michael Bamberg: „2006 nahmen nur 48 Prozent der Frauen an Screening-Untersuchungen teil, bei den Männern waren es sogar nur 21 Prozent.“ Abhilfe soll ein gut organisiertes Einladungs- und Erinnerungssystem schaffen. Auch gibt es Überlegungen, Früherkennungs- und Gesundheitsuntersuchungen verstärkt als „One Stop Shopping“ zu etablieren, sodass innerhalb eines Konsultationstermins möglichst viele Untersuchungen durchgeführt werden.

Screening-Programme müssen evaluiert werden
Alle diese Maßnahmen müssten jedoch verstärkt auf ihre Effektivität und mögliche Risiken überpüft werden, da sich Früherkennungsuntersuchungen an beschwerdefreie, klinisch gesunde Menschen richten. „Leider wird die Evaluation der Früherkennungsprogramme unter Beteiligung der epidemiologischen Krebsregister derzeit durch hohe datenschutzrechtliche Hürden und uneinheitliche Regelungen in den Landeskrebsregistergesetzen behindert“, so Bamberg.

Auch wenn die Überlebenschancen und die Lebensqualität der Patienten in den letzten Jahren stetig verbessert wurden, ist die Qualität der onkologischen Versorgung bundesweit nicht überall gleich hoch. Beispiel Brustkrebs: Aktuell werden 70 Prozent der Patientinnen in einem der 170 Brustkrebszentren betreut, lobte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krebshilfe, Friedrich Carl Janssen. Die restlichen 30 Prozent aber würden in 800 verschiedenen Krankenhäusern behandelt, in denen teilweise weniger als fünf Mammakarzinomfälle jährlich betreut werden. Klinische Krebsregister könnten dazu beitragen, das beste Krankenhaus für die Betroffenen zu finden und Schwachstellen in der Versorgung aufzudecken. Diese Register geben Auskunft darüber, wie viele Krebsbehandlungen ein Krankenhaus gemacht hat und wie erfolgreich die Therapie verlaufen ist. Seit 2007 sind die Krankenhäuser verpflichtet, diese Daten zu veröffentlichen.

Nach Angaben von Bamberg gibt es derzeit 250 spezialisierte Organkrebszentren, die sich neben Brustkrebs auf Darm- und Prostatakarzinome spezialisiert haben. Diese Strukturen sollen im Zuge des Krebsplans flächendeckend ausgebaut werden. So würden noch in diesem Jahr Hautkrebs- und Lungenkrebszentren eröffnet.

Die onkologische Versorgung werde sich durch Fortschritte der Therapie allerdings auch darauf ausrichten müssen, dass Krebserkrankungen zunehmend den Verlauf einer chronischen Erkrankung annehmen, sodass die Betroffenen nicht primär an den Folgen des Karzinoms versterben. Daher werde die kontinuierliche medizinische Nachsorge und die sorgfältige onkologische Langzeitbetreuung eine größere Bedeutung gewinnen, erklärte Bamberg.

„Mit dem nationalen Krebsplan ist es erstmals gelungen, dass die Verantwortlichen der Krebsorganisationen zusammen mit den politischen Entscheidungsträgern ein Programm auf den Weg bringen, das die Aktivitäten zum Wohle der Patienten bündelt“, betonte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krebshilfe, Gerd Nettekoven. Die Organisation hat allein im vergangenen Jahr 50 Millionen Euro ihrer privaten Spendengelder für die Krebsforschung ausgegeben. Sie gehört damit zu den wichtigsten Förderern der Krebsforschung in Deutschland.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema